Mörderin im eigenen Kopf: Aggressive Zwangsgedanken, zwanghaftes Grübeln – und unwirksame Therapien

Von Lin, 37 Jahre

Das erste Mal, dass ich mit Zwangsgedanken in Berührung kam, war nach der Geburt meiner Tochter. Ich weiß noch ganz genau, wie auf einmal die Gedanken auf mich einprasselten und das in allen möglichen Variationen. Ein Bild kam mir vor Augen, wie ich sie gegen die Wand oder aus dem Fenster schmiss. Gedanken, die wie Befehle klangen: „Los, würg sie!“ oder wie Fragen: „Könnte ich meine Tochter erwürgen?“.

Es war alles sehr schnell, sehr beängstigend und ich war mir sicher, dass ich mich binnen Minuten in eine potenzielle Mörderin verwandelt hatte. Ich berichtete sofort meinem Umfeld davon, da ich wirklich der Überzeugung war, eine Bedrohung für meine Tochter darzustellen, und ging am nächsten Tag zum Arzt, der mir empfahl, eine psychiatrische Notfallambulanz aufzusuchen.

Es wirkte alles surreal und ich hoffte, dass ich am nächsten Tag aufwachte und der ganze Spuk vorbei war. Doch so war es nicht. In der Ambulanz teilte man mir trocken meine Diagnose mit – aggressive Zwangsgedanken – und verschrieb mir ein SSRI (Antidepressivum). Einerseits war ich erleichtert, dass nicht wirklich eine Gefahr von mir ausging, andererseits hatte ich jetzt eine psychische Erkrankung und verurteilte mich dafür. Ich war doch sonst immer so stark gewesen. Was war mit mir passiert und wie konnte ich so schnell wie möglich so werden wie davor?

Darauf folgten Jahre, in denen ich tiefenpsychologisch behandelt wurde und immer wieder versuchte, das Medikament abzusetzen. Doch jedes Mal kam der Zwang stärker und in anderen Formen zurück.

Der Zwang ist ein kleiner Verwandlungskünstler: Du hast keine Angst mehr dein Kind aus dem Fenster zu werfen? Wie wäre es denn mit dir selbst? Willst du möglicherweise vor die Bahn springen, bist du eventuell suizidgefährdet? Bist du glücklich zu leben, genießt du das Leben? Weißt du das nicht? Du hattest dir es doch immer als Kind versprochen, eine glückliche Erwachsene zu werden, und nun bist du es vielleicht gar nicht. Ein ganz schlechtes Zeichen. Jetzt hast du Angst. Ich wusste, dass es wieder schlimmer wird. Wer weiß, ob du morgen noch am Leben bist.

Auf der Suche nach der richtigen Therapie

Nachdem ich von meinem tiefenpsychologischen Therapeuten zu einer Verhaltenstherapeutin wechselte, weil ich merkte, dass ich mit diesem Therapieverfahren nicht vorankam, hatte ich zwar eine empathische Therapeutin an meiner Seite, die aber mit mir nur eine Gesprächstherapie durchführte. Sie ermutigte mich aber, meinen Weg weiterzugehen, das heißt in meinem Fall nach meinem erfolgreichen Studienabschluss das Referendariat zu beginnen.

Ich muss sagen, dass ich mich die gesamte Referendariatszeit fehl am Platz fühlte. Nicht, dass es mir nicht Spaß machte, aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, nicht belastbar genug zu sein und in die ambitionierte und leistungsorientierte Welt der Juristen gar nicht hineinzupassen. Trotzdem schloss ich auch hier erfolgreich mein zweites Staatsexamen ab.

Zur selben Zeit setzte ich etwas zu zügig mein Medikament ab und bekam einen starken Rückfall. Meine damalige Therapeutin ermutigte mich trotzdem, in die Berufswelt zu starten, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Rückblickend bin ich froh, dass ich versucht habe, mein Leben bestmöglich weiterzuleben und nicht zu viel zu vermeiden.

Da ich mich aber mittlerweile selbst informiert hatte, wie eine Zwangsstörung therapiert wird, und das Gefühl hatte, bei der Verhaltenstherapeutin nicht weiterzukommen, wechselte ich zu einer Ärztin, die ebenso verhaltenstherapeutisch arbeitete. Doch auch sie führte mit mir keine leitliniengerechte Therapie durch. Auf die Frage, warum sie keine Expositionen mit mir durchführte, teilte sie mir mit, dass ich eher Zwangsbefürchtungen hätte und nicht wirklich Zwangsgedanken. Ich verstand es nicht.

Glücklicherweise stieß ich zu der Zeit auf OCD Land, wo ich das erste Mal eine richtige Psychoedukation erhielt. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich bemerkte, dass meine Zwangshandlung Nr. 1 das Grübeln war. Das erste Mal erfuhr ich eine deutliche Besserung meiner Symptomatik, da ich so gut es ging dem Grübeln widerstand. Zudem half mir der Austausch mit den Betroffenen enorm. Ich war nicht allein, ich war nicht verrückt und schon gar nicht ein hoffnungsloser Fall.

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Zu der Zeit versuchte ich auch sehr langsam mein SSRI auszuschleichen, da ich plante, schwanger zu werden. Trotzdem verschlechterte sich zwei Monate nach dem Absetzen meine Symptomatik wieder – zwar nicht so stark wie davor, doch die ungewisse Angst in mir hatte wieder einen Nährboden gefunden. Zeitgleich wurde ich schwanger und dachte mir, ich brauche nun endlich eine leitliniengerechte Therapie. Über die Therapie-Suche von OCD Land fand ich eine auf Zwangsstörungen spezialisierte Therapeutin.

Leider hatte ich auch eine Schwangerschaftskomplikation und zum Ende meiner Schwangerschaft schossen die Zwänge stark in die Höhe. Ich lernte aber in der Zeit, dass ich auf viele verschiedene Arten grübelte und mein Verhalten häufig nicht als Grübeln enttarnt hatte. Zudem hatte ich sehr große Angst vor der Geburt, weil nach der ersten Geburt die Zwänge das erste Mal ausbrachen. Ich hatte große Angst, dem Kind nicht gerecht zu werden. Einen Monat vor der Geburt nahm ich in niedriger Dosis wieder ein SSRI, was mir sehr half.

Was mir geholfen hat

Dann kam mein zweites Kind auf die Welt und anders als erwartet wurde ich nicht von meinen Zwängen übermannt. Ich genoss die Zeit mit meinem Kind und machte weiter die Therapie, die mir sehr half. Ich lernte viel darüber, welche Eigenschaften meiner Persönlichkeit einen guten Nährboden für den Zwang darstellten. Schon immer hatte ich ein großes Verantwortungsbewusstsein und ich bin vom Typ her sehr wachsam – Gefahren und Risiken versuche ich meist früh zu erkennen, klein zu halten und zu kontrollieren.

Zeitgleich machte ich auch auf mich abgestimmte Expositionen, übte mich in der Reaktionsverhinderung und meine Zwangsthemen wurden immer leiser. Auch war es wichtig für mich zu lernen, dass Gefühle zwar eine Daseinsberechtigung haben, aber keine Fakten darstellen. Angst kann so ein starkes und überwältigendes Gefühl sein. Wie häufig habe ich gedacht, die Angst nicht mehr aushalten zu können. Für mich war es ein wichtiger Punkt, diesen Gedanken zu hinterfragen und nicht mehr zweifelsfrei zu glauben.

Zudem versuche ich den Zwangsgedanken gegenüber Akzeptanz aufzubauen. Ich neige dazu, auftretende Probleme schnell lösen zu wollen. Wenn ein Zwangsgedanke auftritt, gehe ich deshalb immer noch häufig in eine Abwehrhaltung. Wie ich in der Therapie gelernt habe, ist das ein alter Bewältigungsmechanismus aus meiner Kindheit, wodurch ich mich auch selbstwirksam gefühlt habe, aber beim Zwang genau das Gegenteil passiert. Es folgt ein Ohnmachtsgefühl, weil meine alte Strategie nicht mehr funktioniert. Hier hilft mir ein akzeptierender Ansatz weiter.

Natürlich ist es unangenehm, wenn man durch den Zwang in eine Art Daueralarmzustand verfällt und die Gedanken auf einen einprasseln. Ich kann aber meinem Gehirn nicht befehlen, anders zu denken, sondern muss ihm zeigen, dass keine Gefahr besteht. Das funktioniert am besten, wenn man den angsteinflößenden Gedanken keine Bedeutung beimisst und sein Leben, so wie man es will, weiterlebt.

Zudem war und ist der Sport für mich eine große Stütze. Ob nun Yoga, Thai-Boxen, Laufen oder Schwimmen – häufig gehe ich in den Bewegungen so auf, dass dem Zwang gar kein Platz mehr bleibt. Man sollte aber nicht den Sport nutzen, um seinem Zwang zu entfliehen, denn dann fokussiert man sich die gesamte Sporteinheit nur darauf, ob der Zwang noch da ist.

Der Zwang hat nicht das letzte Wort

Im Gegensatz zu früher stigmatisiere ich mich nicht mehr, eine Zwangserkrankung zu haben. Das ist etwas zutiefst Menschliches. Ich sehe sogar positive Eigenschaften, die ich mir mit der Zeit angeeignet habe – etwa mehr Mitgefühl für meine Mitmenschen und für mich selbst. Auch erfordert es viel Mut und Ausdauer, sich seinem Zwang jeden Tag zu stellen. Wenn man das meistert, merkt man, dass man zu viel mehr fähig ist als man anfangs angenommen hat.

Ich fühle mich wieder selbstwirksam und wenn der Zwang auftaucht, versetzt es mich nicht in vollständige Panik, sondern ich versuche es mehr wie ein Training zu sehen. Für diese Einstellung bin ich sehr dankbar und habe sie mir hart erarbeitet. Jahrelang war ich der festen Überzeugung, dass der Zwang mein Leben im Griff hat und ich ihm ausgeliefert bin. Dieses Märchen glaube ich zum Glück nicht mehr, sondern gestalte wieder aktiv mein Leben, so wie es mir gefällt und nicht dem Zwang.

Lin, 37 Jahre

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