Von diffuser Angst zur Diagnose Zwangsstörung – und wie ich lernte, damit umzugehen
Von Karl, 24 Jahre

Schon als Kind hatte ich eine ungewöhnlich hohe Empfänglichkeit für Angst, Grübeln und innere Anspannung. Hochsensibilität, die Trennung meiner Eltern, Erfahrungen von frühem Mobbing und ein anhaltendes Gefühl emotionaler Unsicherheit führten dazu, dass mein Nervensystem schon früh dauerhaft unter Spannung stand. Erste Symptome zeigten sich zunächst weniger eindeutig als Zwangsstörung, sondern vor allem als Angst: diffuse Sorgen, innere Unruhe und ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit.
In dieser Zeit traten auch erste Zwangsgedanken und Kontrollhandlungen auf, etwa das wiederholte Überprüfen von Türen und Fenstern. Damals verstand ich das nicht als Zwang, sondern als Versuch, ein inneres Gefühl von Bedrohung zu beruhigen. Angst war das vorherrschende Erleben – nicht klar zuordenbar, aber allgegenwärtig.
In meiner Jugendzeit schien sich vieles zunächst zu stabilisieren. Grübeln war zwar immer präsent, aber oft im Hintergrund. Ich war ein Overthinker, ohne mich krank zu fühlen. Phasenweise ging es mir sogar sehr gut. Rückblickend weiß ich jedoch, dass die Symptomatik nie verschwunden war – sie hatte lediglich ihre Form verändert.
Mit der Adoleszenz und den damit verbundenen Veränderungen kehrte die innere Anspannung deutlich zurück. Erste Beziehungen, schulischer Druck, Zukunftsängste und Identitätsfragen führten zu massiven Angstzuständen und Panikattacken. Besonders während der Abiturzeit hatte ich das Gefühl, ständig im Alarmzustand zu sein. Die Angst fühlte sich existenziell an – als würde ich sterben oder die Kontrolle verlieren. Hinzu kamen Phasen von Depersonalisation und Derealisation, in denen sich alles fremd und unwirklich anfühlte.
Zu diesem Zeitpunkt ging ich – wie viele andere auch – davon aus, dass ich vor allem mit einer Angst- oder Panikstörung zu tun habe. Die Übergänge zwischen Angststörung, Belastungsreaktionen, depressiven Symptomen und Zwang waren fließend. Gerade in der Kinder- und Jugendpsychotherapie ist es oft schwierig, früh eine eindeutige Hauptdiagnose zu stellen. Meine erste Therapie, die ich im Alter von etwa 17 bis 19 Jahren durchlief, war deshalb zunächst eine Suchbewegung: Was ist eigentlich los – und wie komme ich überhaupt wieder ins Leben?
Diese erste Therapie war enorm wichtig, auch wenn sie noch nicht klar auf OCD fokussiert war. Im Vordergrund stand zunächst etwas anderes: das Gefühl Angst selbst. Ich musste lernen, Angst nicht mehr als akutes Notfallsignal zu begreifen, sondern als ein Gefühl unter vielen – so wie Trauer oder Schmerz. Anfangs fühlte sich Angst für mich an wie ein stechender Druck in der Brust, wie ein permanenter Ausnahmezustand. Erst nach und nach lernte ich, dieses Gefühl wahrzunehmen, auszuhalten und wirklich zu durchleben.
Mit der Zeit verlagerte sich die Angst von der Brust mehr in den Bauch, wurde weniger bedrohlich und eher zu einer Art innerer Energie, mit der ich umgehen konnte. Diese Arbeit war für mich ein grundlegender Baustein. Sie hatte noch nichts mit klassischer Zwangsbehandlung zu tun, war aber essenziell, um überhaupt wieder Halt im Leben zu finden. Auch die Depersonalisation und Derealisation wurden in dieser Phase spürbar besser.
Erst gegen Ende dieser ersten Therapie kristallisierte sich deutlicher heraus, dass die Zwangsstörung im Zentrum meiner Problematik steht. Viele der Ängste wurden durch wiederkehrende, aufdringliche Gedanken gespeist, auf die ich zwanghaft reagierte. Die offizielle Diagnostik einer Zwangsstörung erfolgte letztlich erst am Ende dieser Therapie, die altersbedingt nicht weiter verlängert werden konnte.
Mit dieser Diagnose begann ich meine zweite Therapie – deutlich bewusster, klarer und gezielter. Hier rückte OCD eindeutig in den Mittelpunkt. Ich hatte inzwischen verstanden, dass es nicht darum geht, alle Angst oder alle Gedanken loszuwerden, sondern darum, anders mit ihnen umzugehen.
Ein zentraler Bestandteil meines Weges wurde die Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP). Für mich bedeutet das weniger eine feste Technik als vielmehr eine innere Haltung: Gedanken dürfen auftauchen – entscheidend ist, dass ich nicht automatisch darauf reagiere. Die größte Exposition ist letztlich das Leben selbst.
Im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass mein OCD viele Gesichter hat. Ich hatte aggressive Zwangsgedanken, sexuelle Zwangsgedanken, Krankheitsängste, beziehungsbezogene Zwänge (ROCD), moralische Zwänge (Scrupulosity) und immer wieder Meta-OCD – also das ständige Nachdenken über die Krankheit selbst: Wie stark sind meine Symptome? Bin ich schon frei genug? Mache ich genug Fortschritte?
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Zum Info-LeitfadenIn der Therapie begann ich, die inneren Zusammenhänge zu verstehen. Moralische Zwänge stehen bei mir in engem Zusammenhang mit der Angst, ein schlechter Mensch zu sein. Als Kind durfte ich mir Fehler oder negative Gefühle kaum erlauben und wurde dafür ausgegrenzt. Krankheitsängste wiederum lassen sich auf die Erfahrung zurückführen, dass ein naher Verwandter in meiner Kindheit schwer psychisch erkrankte. Kontrollverlust bedeutete für mich Gefahr. Der Zwang wurde zu einem Schutzmechanismus. Aggressive Zwangsgedanken entstanden vor dem Hintergrund, dass Wut in meiner Kindheit kaum Raum hatte.
Dieses Verstehen war eine wichtige erste Stufe – aber nicht die Lösung. Entscheidend ist für mich der Umgang im Hier und Jetzt. Wenn aufdringliche Gedanken auftauchen, gehe ich bewusst nicht in den Kopf, nicht ins Grübeln, nicht ins Analysieren. Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit auf das körperliche Gefühl, das damit einhergeht – häufig eine starke Spannung im Bauch oder Brustbereich. Ich lasse diese Empfindung da sein, ohne sie zu beruhigen oder wegzumachen.
Manchmal gehe ich dabei auch bewusst durch innere Szenarien, manchmal nicht. Wichtig ist für mich nicht die Technik, sondern die Haltung: Gedanken dürfen existieren, ohne dass sie mein Handeln bestimmen. Dieses Aushalten innerer Spannung fühlt sich für mich an wie mentales Muskeltraining – anstrengend, unangenehm, aber langfristig wirksam.
Ein besonders herausforderndes Thema ist für mich das Meta-OCD. Je mehr ich ins Leben gehe, Verantwortung übernehme und mir etwas aufbaue, desto stärker sucht mein Kopf nach neuer Sicherheit. In diesen Phasen taucht immer wieder der Gedanke auf, ob ich nicht doch Medikamente bräuchte. Ich habe in der Vergangenheit verschiedene Medikamente ausprobiert, die bei mir jedoch keine hilfreiche Wirkung gezeigt haben. Mir ist wichtig zu betonen, dass Medikamente für viele Menschen sinnvoll sein können. In meinem Fall fühlt sich dieser Gedanke heute oft weniger wie eine medizinische Notwendigkeit an, sondern eher wie ein inneres Sicherheitsversprechen – etwas, das mir früher gefehlt hat.
Auch hier versuche ich, die Unsicherheit auszuhalten: Vielleicht brauche ich irgendwann Unterstützung – vielleicht auch nicht. Im Moment gehe ich meinen Weg weiter. Nicht perfekt, aber bewusst.
Ich bin nicht geheilt. Aber ich habe Werkzeuge. Die Zwänge sind nicht verschwunden – doch sie bestimmen nicht mehr mein Leben. Ich habe gelernt, dass Schmerz ein Teil des Lebens ist. Der Zwang muss es nicht sein.
Rückblickend hat mich dieser Weg nicht nur geprägt, sondern verändert. Die jahrelange Auseinandersetzung mit Angst, Zwang und innerer Unsicherheit hat mir eine Tiefe gegeben, die weit über meine Symptome hinausgeht. Ich habe früh gelernt, mich selbst zu reflektieren, Gefühle auszuhalten und Verantwortung für mein inneres Erleben zu übernehmen.
Diese Erfahrung hat mich nicht schwächer gemacht – im Gegenteil. Sie hat mir eine besondere Sensibilität für andere Menschen, für Zwischentöne und für innere Prozesse gegeben. In meinem sozialen Umfeld erlebe ich immer wieder, dass Offenheit und Ehrlichkeit über psychische Herausforderungen nicht distanzieren, sondern verbinden. Gerade in meinem Alter ist diese Art von Auseinandersetzung selten – und sie schafft Nähe, Vertrauen und Respekt.
Auch in meinem Beruf als Schauspieler erlebe ich diese Geschichte nicht als Makel, sondern als Ressource. Sie ermöglicht mir einen Zugang zu Emotionen, zu Verletzlichkeit und zu menschlicher Tiefe, den ich ohne diesen Weg vermutlich nicht hätte.
Heute weiß ich: Man kann nicht nur trotz OCD, Angst und innerer Kämpfe ein erfülltes Leben führen – man kann durch diesen Weg auch zu einer reflektierten, authentischen und starken Persönlichkeit heranwachsen. Nicht, weil das Leid romantisch ist, sondern weil der Umgang damit formt.
Nicht jede Information im Internet ist hilfreich. Gerade bei OCD können vereinfachende Erklärungen oder falsche Versprechen mehr schaden als helfen. Der Weg braucht Zeit, Geduld und fachliche Begleitung. Aber er ist möglich.
Karl, 24 Jahre
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