Wie mein Zwang mir fast meine Beziehung genommen hätte (ROCD)
Von Paula, 28 Jahre

Vor ca. anderthalb Jahren haben mein Partner und ich angefangen, darüber nachzudenken, ob wir heiraten möchten. Mit dieser großen Entscheidung fingen auch meine Zwangsgedanken und meine Zweifel an meiner Beziehung an.
Ich hatte immer wieder das Gefühl, nicht ganz glücklich zu sein und zu zweifeln, obwohl ich nie benennen konnte, woran ich genau zweifle. Rational gab es für mich keinen Grund zu zweifeln, weshalb sich mir immer mehr der Gedanke aufgedrängt hat: „Vielleicht liebst du ihn einfach nicht.“ Dies war für mich die einzige mögliche Erklärung für mein Verhalten und meine Gedanken, da man Liebe schwer wirklich greifbar messen kann und mir sonst kein Grund eingefallen ist, der mich in solch starke Zweifel hätte bringen können.
Ich bin immer stärker auf diesen Gedanken und auf die Zweifel eingegangen, und die Gefühle, die dadurch ausgelöst wurden, wurden immer dominanter und intensiver.
Stundenlang grübeln, analysieren, sich selbst überzeugen
Um die Gefühle und die Gedanken loszuwerden, habe ich immer stärker mit Zwangshandlungen angefangen. Ich habe stundenlang zu Hause gesessen und aktiv gegrübelt, ich habe ständig analysiert, mit mir argumentiert und diskutiert. Ich bin in meinen Gedanken die gesamte Vergangenheit durchgegangen, habe über Anzeichen nachgedacht, ob ich ihn nun liebe oder nicht, und habe versucht, mich immer wieder davon zu überzeugen, dass doch alles gut sei.
Ich habe versucht, meine aktuellen Gedanken wegzuschieben, indem ich alte Erinnerungen an schöne Momente ausgekramt habe, in denen ich glücklich war und in denen ich meiner Liebe sicher war. Wenn ich mich einmal überzeugt hatte, hielt dieser Zustand meist ein paar Tage an, bis dann aus heiterem Himmel neue Gedanken oder negative Gefühle auftraten.
Und so habe ich mich in einem ewigen Zyklus aus extremen Tiefs und extremen Hochs befunden: In den Tiefs habe ich die Ungewissheit und die Verzweiflung fast nicht ausgehalten und in den Hochs war ich tatsächlich glücklich und konnte kaum fassen, warum ich überhaupt jemals gezweifelt habe.
Allerdings gab es zu dieser Zeit wenig dazwischen. Es gab wenig „normale“ Tage; ich hatte ständig das Gefühl, meine Gedanken und Gefühle kontrollieren und steuern zu müssen.
Jedes Gefühl wurde zum Test
So war auch der Umgang mit meinem Partner eine ständige Kontrolle von Gefühlen. Wenn ich positive Gefühle ihm gegenüber hatte, war ich erleichtert und beruhigt. Und wenn ich nichts gefühlt habe, war ich extrem beunruhigt und mir sicher, dass ich ihn nicht mehr liebe.
Ich habe mich zu dieser Zeit wahnsinnig machtlos und verzweifelt gefühlt. Ich konnte mich selber einfach nicht mehr verstehen, da das alles für mich keinen Sinn ergeben hat. Ich hatte gleichzeitig aber auch immer das Gefühl, dass meine Handlungen irgendwie übertrieben seien – konnte sie mir aber nicht mehr anders erklären, als dass ich meinen Partner einfach nicht mehr lieben würde.

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Zum Info-LeitfadenUnd dieser Gedanke war für mich unerträglich. Irgendwann fing ich an, Angst davor zu bekommen, dass ich mich eines Tages trennen müsste, einfach weil ich diese schreckliche Anspannung und die Verzweiflung nicht mehr aushalten könnte.
„Angst, nicht genug zu lieben“ – eine Google-Suche veränderte alles
Nach ca. einem Dreivierteljahr habe ich schließlich bei Google eingegeben „Angst, nicht genug zu lieben“ und bin auf den Artikel über ROCD von OCD Land gestoßen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie erleichtert ich in dem Moment war.
Viele der dort beschriebenen Handlungen und Gedanken trafen auf mich zu, und ich konnte förmlich gar nicht glauben, dass es tatsächlich eine Begründung geben könnte für mein Verhalten – und dass ich mich nicht von meinem Partner trennen muss, obwohl ich das zu keinem einzigen Zeitpunkt je wollte.
Ich habe angefangen, mich darüber zu informieren, und war mir immer sicherer, dass ich genau darunter leide. Das Wissen darüber und überhaupt eine Erklärung zu finden für das eigene Verhalten hat mir bereits sehr viel Last genommen. Nun konnte ich anfangen, etwas zu tun, und war den Gedanken und Gefühlen nicht mehr einfach machtlos ausgeliefert.
Der Weg in die Therapie
Ich habe mich nach ein paar Wochen dazu entschieden, eine Therapie zu beginnen, da ich trotz der Erleichterung über das Wissen, dass ich eine Zwangsstörung habe, noch nicht richtig damit umzugehen wusste. Die Gedanken und Gefühle waren schließlich immer noch da, und ich wusste nicht, was genau ich jetzt eigentlich dagegen tun kann.
Die Therapie und das zusätzliche Lesen von Büchern und Artikeln hat mir sehr geholfen, einen Umgang mit den Gedanken und Gefühlen zu entwickeln. Vor allem die Methoden, die in ACT angewendet werden (Fokus auf Werte und Ziele im Leben, Achtsamkeit, Gefühle annehmen und nicht verdrängen) und natürlich das Unterlassen von Zwangshandlungen (Grübeln, sich davon überzeugen, dass alles gut ist, Rückversicherungen einholen) haben mir wirklich geholfen, einen besseren Umgang mit all dem zu finden.
Ich hatte das Gefühl, mir mein eigenes Leben wieder zurückholen zu können und wieder meine eigenen Entscheidungen treffen zu können – und nicht die Entscheidungen zu treffen, die mein Zwang mir vorgibt. Denn ich kam mir wahnsinnig fremdbestimmt vor durch den Zwang und hatte das Gefühl, er nimmt mir mein ganzes Leben weg (was er letztendlich auch getan hat).
Heute: Die Gedanken kommen noch – aber sie bestimmen nicht mehr mein Leben
Auch heute noch kommen mir Zwangsgedanken und entsprechende Gefühle, auch heute noch habe ich schlechte Tage bzw. Momente. Ich habe auch heute teilweise noch das Gefühl, ich stehe wieder ganz am Anfang und die Gedanken fühlen sich doch „dieses Mal so echt an“.
Aber: Ich habe gelernt, besser damit umzugehen. Ich habe gelernt, diese Momente zu akzeptieren, ohne ihnen viel entgegenzusetzen.
Und der Nutzen ist doch so viel größer, denn ich kann wieder frei entscheiden, was mir in meinem Leben wichtig ist. Ich kann meine Beziehung wieder genießen, ohne ständig Angst haben zu müssen, dass meine Gefühle nicht echt sein könnten.
Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass ich diese Leichtigkeit und das Vertrauen wieder zurückbekommen habe, denn beides habe ich in der Zeit davor komplett verloren – Vertrauen ins Leben, Vertrauen in mich und Vertrauen in meine Beziehung.
Liebe erfordert nun einmal viel Vertrauen, und das nicht nur in den Partner oder die Partnerin, sondern auch in sich selbst. Und das kann man nur erreichen, wenn man aufhört zu kontrollieren und zu grübeln, sondern es zulässt und auf sich zukommen lässt. Das klingt wahnsinnig leicht und offensichtlich – für Menschen, die unter Zwangsgedanken leiden, ist es das aber überhaupt nicht.
Trotzdem kann ich allen nur Mut aussprechen, den Weg zu gehen und sich dem Zwang zu stellen, denn das Leben, das danach auf einen wartet, ist viel viel schöner.
Paula, 28 Jahre
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