Wenn du verstehen willst, wieso du überhaupt deinen Zwang hast und wieso es dir so schwer fällt, deine Zwangsrituale einfach so zu stoppen, dann bist du hier genau richtig.
Zwänge sind zwar sehr belastend, aber wenn sie dir nicht irgendeinen Vorteil bringen würden, dann würdest du sie einfach lassen. Deine Zwänge versprechen dir also einen Nutzen – Fachleute sprechen hier von Funktionen oder Funktionalitäten.
Direkter Nutzen
In vielen Fällen ist der Nutzen deines Zwangs recht leicht zu erkennen und hängt direkt mit den Symptomen und dem Inhalt deines Zwangs zusammen. Beispielsweise kann dein Zwang die Funktion erfüllen, eine Katastrophe zu verhindern. Oder er hilft dir dabei, deine Anspannung oder das quälende Gefühl von Ungewissheit temporär loszuwerden. Vielleicht helfen dir auch Ablenkungen dabei, deine Zwangsgedanken vorübergehend abzuwenden. Zwänge können die verschiedensten Funktionen erfüllen. Viele weitere Beispiele haben wir unten aufgelistet.
Sekundärer Nutzen
Der Zwang kann auch einen Nutzen haben, der nicht direkt mit dem Inhalt deines Zwangs zu tun hat, sondern dir im Umgang mit deinen Mitmenschen und anderen Lebenssituationen einen Vorteil verspricht – man spricht hier vom sogenannten sekundären Nutzen oder Krankheitsgewinn.
Einige Betroffene tun sich beispielsweise schwer damit, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen (z.B. von zu Hause ausziehen oder einen Job anfangen). Solange sie noch ihren Zwang haben, bekommen sie von ihren Mitmenschen Verständnis, werden umsorgt und nicht gedrängt, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.
Durch diesen sekundären Nutzen der Zwangsstörungen fällt es Betroffenen verständlicherweise zusätzlich schwer, an der Überwindung des Zwangs zu arbeiten. Ein wichtiger Schritt in der Therapie ist daher, auch solche Funktionen des Zwangs aufzuspüren und sie in der Therapie zu berücksichtigen.
Falsche Glaubenssätze
Hinter jeder Funktion des Zwangs steckt immer ein mehr oder weniger bewusster Glaubenssatz, der die Funktion rechtfertigt. Wenn die Funktion deines Zwangs beispielsweise ist, ein Unglück zu verhindern, dann kann ein dahinterliegender Glaubenssatz sein, dass das Eintreten des Unglücks ganz alleine deine Schuld wäre.
Dieser Glaubenssatz weist auf typische Denkfehler hin, die im Laufe der Therapie bearbeitet werden können. In diesem Fall wären das bspw. ein übertriebenes Verantwortungsbewusstsein, doppelte Standards und Schwarz-Weiß-Denken.
Den Zwang und seine Versprechungen loslassen
Vielleicht fragst du dich nun, was es dir genau bringt, die Funktionen deines Zwangs zu kennen. Die Antwort ist einfach, aber die Umsetzung ist schwierig: Zur Überwindung deines Zwangs ist es notwendig, auf die Vorteile deines Zwangs zu verzichten.
Im Laufe der Therapie wird es zu schwierigen Situationen kommen: angstauslösende Expositionen, ungeplante Ereignisse, neue Zweifel und der eine oder andere Rückfall. Während dieser Ereignisse fällt es uns schwer, klar zu denken und kluge Entscheidungen zu treffen. Hat man sich jedoch die Vorteile und Versprechungen des Zwangs in einer ruhigen Minute vorab klargemacht, fällt es einem in einer dieser angespannten Situationen leichter, dem Zwang und allen seinen Versprechungen zu widerstehen.
Das Verständnis der Funktionen deines Zwangs hilft dir also, ganz konkret ableiten zu können, was du aufgeben und akzeptieren musst, um deinen Zwang zu überwinden. Und auch wenn das nicht leicht ist – viele Betroffene berichten, dass es ihnen mithilfe dieser Erkenntnisse leichter fiel, sich gegen ihre Zwangsrituale zu entscheiden.
Funktionen mit direktem Bezug zum Zwang
| Funktion | Beispiel | Beispiel für falschen Glaubenssatz |
|---|---|---|
| Negative Emotionen stoppen | Du gehst an einer sehr schmutzigen Mülltonne vorbei und spürst starken Ekel. Um den Ekel loszuwerden, gehst du zu Hause stundenlangen Waschritualen nach. | „Ich bin nicht in der Lage, Anspannung zu tolerieren, und muss etwas dagegen unternehmen.“ |
| Positive Emotionen herbeiführen | Du hast den Anspruch, dich zu jedem Zeitpunkt ausgeglichen zu fühlen. Fühlst du dich nicht so, wie du dich wünschst, versuchst du (bspw. durch Atemübungen oder Affirmationen) positive Emotionen zu erzwingen. | „Ich kann und muss dafür sorgen, dass ich mich zu jedem Zeitpunkt gut fühle.“ |
| Gedanken stoppen | Dir kommt der Gedanke, dass deine Eltern sterben könnten. Du versuchst, diesen Gedanken durch Klopfen auf Holz wieder loszuwerden. | „Wenn ich etwas denke, wird es wahr.“, „Ich muss verhindern, bestimmte Gedanken zu haben.“ |
| Sicherheit erlangen | Du gehst eine Autofahrt immer wieder im Kopf durch, um sicherzugehen, dass du niemanden überfahren hast. | „Es liegt in meiner Verantwortung, 100% Gewissheit zu haben.“, „Ich halte es nicht aus, keine Gewissheit zu haben.“ |
| Verstehen und analysieren | Am Bahnsteig kam dir auf einmal der Gedanke, dass du dich auf die Gleise fallen lassen könntest. Seitdem versuchst du herauszufinden, was das zu bedeuten hat und ob du vielleicht selbstmordgefährdet bist. | „Wenn mir ein solcher Gedanke kommt, dann muss daran etwas Wahres sein.“, „Ich muss meine Gedanken und Gefühle ganz genau verstehen.“ |
| Ein Unglück präventiv verhindern | Du kontrollierst mehrfach den Herd, bevor du das Haus verlässt, um zu verhindern, dass ein Feuer ausbricht. | „Es wäre allein meine Schuld, wenn ich ein Unglück nicht verhindert hätte. Mit dieser Schuld könnte ich nicht leben.“ |
| Einen ursprünglichen Zustand wiederherstellen | Nach einer Fahrt mit der U-Bahn duschst du dich sofort ab und legst deine Kleidung in die Waschmaschine, um den Zustand von Sauberkeit wiederherzustellen und somit weitere Folgeschäden zu verhindern. | „Wenn die Wohnung nicht absolut keimfrei bleibt, ist es ganz alleine meine Schuld, sollte sich jemand mit einer tödlichen Krankheit infizieren.“ |
| Wünschen | Du hast aufgrund deiner Prüfungsangst dein Studium abgebrochen. Seitdem grübelst du mehrere Stunden am Tag über die dadurch verpassten Freundschaften und Job-Möglichkeiten und wünschst dir, es wäre alles anders gekommen. | „Ich kann vergangene Fehler und Ereignisse nicht akzeptieren.“ |
| Trigger und Expositionen vermeiden | Du meidest alle deine Trigger, suchst im Internet nach Rückversicherungen oder googlest nach „dem einen Trick“, der deinen Zwang ein für alle Mal auflöst. | „Ich bin nicht in der Lage, mich meinen Befürchtungen zu stellen.“ |
Funktionen mit sekundärem Nutzenversprechen
| Funktion | Beispiel | Beispiel für falschen Glaubenssatz |
|---|---|---|
| Emotionen regulieren | Ein Streit mit deiner Mutter wühlt dich sehr auf. Du zählst alle Schritte auf dem Weg nach Hause, um dich davon abzulenken und wieder zu beruhigen. | „Ich kann keinen Streit aushalten, ohne mich durch meine Zwänge davon abzulenken.“ |
| Langeweile vermeiden | Wenn du zuhause allein bist, füllst du deine gesamte freie Zeit mit Putzen und Aufräumen. | „Langeweile und Alleinsein halte ich nicht aus.“ |
| Andere Erkrankungen bewältigen | Durch ein traumatisches Erlebnis (posttraumatische Belastungsstörung) drängen sich dir immer wieder Bilder des Erlebten auf. Du zählst vor dich hin, um diese zu verdrängen. | „Ohne meinen Zwang bin ich meinem Leid vollends ausgeliefert.“ |
| Autonomie gewinnen | Eigentlich willst du mit deinem Ehepartner gar nicht mehr zusammen sein. Weil du aber für eine Trennung nicht bereit bist, schiebst du deine Kontaminationsbefürchtungen vor, um ihn auf Abstand zu halten. | „Ich kann auf normalem Weg meine eigenen Grenzen nicht verteidigen.“ |
| Abstand zu anderen herstellen | Deine Kontaminationsängste halten dich davon ab, eine Beziehung zu jemandem einzugehen, der dich vielleicht emotional verletzen könnte. | „Ich würde es nicht aushalten, wenn mich jemand emotional verletzt.“ |
| Zuwendung erhalten | Deine Eltern streiten sich ständig und du bist ihnen egal. Wenn sie aber sehen, wie sehr dich dein Zwang belastet, sind sie für dich da und umsorgen dich. | „Mir muss es erst schlecht gehen, damit andere für mich da sind.“ |
| Schutz vor Verantwortung | Du arbeitest schon seit mehreren Jahren an deiner Masterarbeit. Immer wieder verlierst du Zeit, weil du auf deinem Schreibtisch die „richtige“ Ordnung herstellen möchtest, um endlich beginnen zu können. | „Wenn um mich herum keine Ordnung ist, kann ich mich nicht konzentrieren.“, „Ich könnte es nicht ertragen, zu versagen.“ |
| Selbstwert spüren | Du lässt andere auf Social Media wissen, wie interessant und besonders dein Zwang ist – das habe dir sogar der Chefarzt bestätigt. | „Ich bin nur dann wertvoll, wenn mir das von außen bestätigt wurde.“ |
| Nähe und Geborgenheit herstellen | Du holst dir bei deinem Partner andauernd Rückversicherungen, indem du ihn fragst, ob er dich liebt. Diese Rückversicherung führt immer wieder zu Diskussionen. Die Diskussionen sind für dich ein Beweis, dass du deinem Partner etwas bedeutest. | „Ohne meinen Partner könnte ich nicht leben.“ |
| Ein guter Mensch sein | Du suchst im Supermarkt ständig nach Glassplittern, um zu verhindern, dass sich ein Kind daran verletzen könnte. Du hältst dich wegen deines Einsatzes für einen besseren Menschen. | „Ich bin nur ein guter Mensch, wenn ich alles dafür tue, um ein Unglück zu verhindern.“ |
Funktionalitäten werden u.a. in folgender Experten-Literatur besprochen:

