Zwangsgedanken über reale Ereignisse: Ist es wirklich Zwang?
Von Martin Niebuhr und PD Dr. Susanne Fricke

Im ersten Teil dieser Artikelreihe hast du erfahren, was Zwangsgedanken über reale Ereignisse überhaupt sind. In diesem zweiten Teil gehen wir nun auf einige Besonderheiten dieser Form der Zwangsstörung ein. Insbesondere klären wir die folgenden Fragestellungen:
- Woher weiß ich, dass es sich um eine Zwangsstörung und nicht um „berechtigte“ Schuld handelt? Und ist es auch eine Zwangsstörung, wenn ich einen „schwerwiegenden“ Fehler begangen habe, den auch die meisten anderen Menschen verurteilen würden?
- Sind Zwangsgedanken über reale Ereignisse wirklich eine Form der Zwangsstörung? Schließlich beziehen sich meine Zwangsgedanken doch auf ein reales Ereignis und nicht auf eine Befürchtung in der Zukunft.
- Könnte mein Leid nicht eher durch eine Depression, ein Trauma oder etwas ganz anderes erklärt werden? Wie erkennt man, dass es sich um eine Zwangsstörung handelt?
Normale Reue, „berechtigte“ Schuld und „schwerwiegende“ Fehler – woher weiß ich, ob es wirklich eine Zwangsstörung ist?
Wenn du bis hierhin gelesen hast, dann hast du dich im ersten Teil dieser Reihe vermutlich sehr wiedergefunden. Vermutlich bist du aber auch überrascht: Du hättest niemals gedacht, dass das, was dir so sehr zu schaffen macht, eine Zwangsstörung ist.
Vielleicht meldet sich in deinem Hinterkopf auch ein hartnäckiger Zweifel: „Mein Fehler war nicht harmlos. Er war wirklich schwer. Also kann es keine Zwangsstörung sein.“ Diese Gedankengänge sind typisch bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse, deswegen gehen wir nun ausführlicher darauf ein.
Nicht der Fehler ist das Problem, sondern der Zwang
Zu Beginn wollen wir zwei grundlegende Dinge klarstellen:
- Menschen machen Fehler – auch schwerwiegende. Damit wollen wir niemandem pauschal die Verantwortungsübernahme für Fehler absprechen und auch keinen Freifahrtschein für jegliches Fehlverhalten ausstellen, sondern lediglich einen grundlegenden Fakt aussprechen. Der auf Zwangsstörungen spezialisierte Psychologe Dr. Patrick McGrath bringt es salopp auf den Punkt: Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht irgendwann in seinem Leben etwas richtig Mieses getan hat. Dein Fehler macht dich also nicht zu einem Unmenschen, sondern im Gegenteil – er macht dich menschlich.
- Der Sinn von Fehlern und Schuld besteht darin, es in Zukunft besser zu machen, und nicht, sich sein Leben lang zu verurteilen. Niemandem ist dadurch geholfen. Dein Fehler bedeutet also nicht, dass du nun den Rest deines Lebens mit dieser erdrückenden Schuld leben musst. Das müssen andere auch nicht.
Warum sagen wir das so explizit? In erster Linie wollen wir dich zu der Erkenntnis bewegen, dass nicht dein Fehler oder der Schweregrad dessen das Problem ist, auch wenn du das aktuell noch denkst. Das tatsächliche Problem bzw. die Ursache deines Leids ist die Zwangsstörung, die verhindert, dass du diesen Fehler hinter dir lassen kannst. Oder wie McGrath es formuliert: Nicht das Ereignis ist das Problem, sondern die Art, wie der Zwang es interpretiert und welche Bedeutung er ihm gibt.
Ein echter Fehler und eine Zwangsstörung schließen sich also nicht aus. Du kannst etwas falsch gemacht haben – auch etwas Schwerwiegendes, das Außenstehende verurteilen würden – und gleichzeitig eine Zwangsstörung haben, die sich an diesem Fehler festbeißt.
Ein normaler Umgang mit Fehlern
Besonders deutlich wird das, wenn man sich ansieht, wie Menschen ohne Zwangsstörung mit Fehlern umgehen. Temporäre Schuldgefühle sind nämlich erstmal nichts Schlechtes – im Gegenteil. Sie sind ein gesundes Korrektiv: Sie zeigen uns, dass wir gegen unsere Werte oder die Werte unserer Gemeinschaft verstoßen haben, und bewegen uns dazu, den Fehler anzuerkennen, uns zu entschuldigen, wiedergutzumachen, was möglich ist, daraus zu lernen – und dann weiterzuleben.
Bei dir ist das anders: Egal, wie sehr du dich anstrengst, kannst du keinen Haken an die Sache machen. Der Grund dafür ist aber nicht, dass dein Fehler besonders schwerwiegend ist und niemals wiedergutgemacht werden kann, sondern, dass du im Teufelskreis Zwang gefangen bist.

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Letztlich läuft all das auf eine einzige Frage hinaus: Stehen deine Reaktion, deine Beschäftigung und deine Versuche der Wiedergutmachung im Verhältnis zu deinem Fehler?
Generell kann eine verhältnismäßige Reaktion auf einen Fehler sehr unterschiedlich ausfallen: Von einer ausgesprochenen Entschuldigung über eine angemessene Wiedergutmachung des Schadens bis hin zu rechtlichen oder beruflichen Konsequenzen. Letzteres ist bei Betroffenen von Zwangsgedanken über reale Ereignisse quasi nie der Fall (was deinen Zwang allerdings nicht daran hindern wird, dir das Gegenteil einzureden).
Tatsächlich sitzt der Zwang fast nie bei den ganz schweren Taten – auch, wenn das in seltenen Fällen durchaus vorkommen kann: Der amerikanische Spezialist Jonathan Grayson berichtet in diesem Video von einem ehemaligen Mafioso, der sich im Nachhinein extrem schuldig dafür fühlte, dass ihm seine „Arbeit“ zu viel Spaß gemacht hatte. Im Regelfall sucht sich der Zwang aber die Grauzone – jenes schwer fassbare Mittelfeld, in dem sich nichts eindeutig beurteilen oder beweisen lässt. Meist geht es um etwas, bei dem die eine Hälfte der Menschen sagen würde „Na und, vergiss es“ und die andere „Warum hast du das getan?“. Gerade weil sich dort nichts mit absoluter Gewissheit klären lässt, ist dies der ideale Nährboden für den Zwang.
Unabhängig davon, wie schwerwiegend dein Fehler war, verlangt der Zwang im Verhältnis dazu immer eine maßlos übertriebene Reaktion, die nie genug ist. Diese Unverhältnismäßigkeit ist das eigentliche Kennzeichen von Zwangsgedanken über reale Ereignisse, nicht die Schwere deines Fehlers.
Welche Wiedergutmachung ist angemessen?
Welche Wiedergutmachung für deinen Fehler angemessen wäre, findest du nicht durch Grübeln heraus, denn beim Grübeln ist immer der Zwang am Steuer. Die Suche nach einer Antwort auf die Fragen, wie „schwer“ dein Fehler wirklich war oder wie „berechtigt“ deine Schuld ist, ist in der Regel selbst schon eine Zwangshandlung. Denn eine Antwort, die deinen Zwang endgültig zufriedenstellt, wird es nie geben. Moral ist nun mal nicht eindeutig. Was für den einen ein schweres Vergehen ist, ist für den anderen eine Lappalie. Die Suche nach Antworten schafft dir also keine Beruhigung, sondern zieht dich nur tiefer in den Teufelskreis Zwang hinein.
Hier kann eine auf Zwangsstörungen spezialisierte Fachperson helfen, echte Wiedergutmachung von einer Zwangshandlung zu unterscheiden: Sie unterstützt dich dabei, dort, wo es angebracht ist, wirklich Verantwortung zu übernehmen und dort, wo es nicht angebracht ist, aufzuhören, dich für etwas zu bestrafen, das diese Strafe nie verdient hat.
Unabhängig davon, ob du Zugang zu einer solchen Fachperson hast oder nicht, sind hier einige hilfreiche Faustregeln:
- Hätte die geschädigte Person durch deine Entschuldigung oder dein Geständnis wirklich etwas gewonnen – oder willst du damit nur deine eigene Anspannung loswerden? Anders gesagt: Geht es um wirkliche Wiedergutmachung oder darum, deinen Zwang zufriedenzustellen?
- Welches Verhalten würdest du von anderen Menschen erwarten, die einen Fehler gemacht haben (bspw. bei einer guten Freundin)? Orientiere dich daran.
- Machst du die „Wiedergutmachung“ eher aus freien Stücken und weil du sie richtig und angemessen findest oder fühlst du dich eher unfreiwillig dazu gedrängt bzw. gezwungen (es heißt nicht umsonst Zwangsstörung)?
- Und die generelle Faustregel für alle Formen der Zwangsstörung: Wenn du dir nicht sicher bist, dann behandle es wie einen Zwang.
Sind Zwangsgedanken über reale Ereignisse wirklich eine Form der Zwangsstörung?
Vielleicht hast du schon mal etwas von Wasch-, Kontroll- oder Ordnungszwängen gehört – Formen der Zwangsstörung, die in der Öffentlichkeit besonders bekannt sind. Vielleicht kennst du dich aber auch schon etwas besser mit Zwangsstörungen aus und weißt, dass Zwangsstörungen viele Überschneidungen mit Angststörungen haben:
Betroffene einer Zwangsstörung befürchten meist ein Ereignis in der Zukunft: Eine unheilbare Krankheit zu übertragen (Kontaminationsängste / Waschzwänge), den Herd anzulassen und einen Hausbrand auszulösen (Kontrollzwänge) oder ein Mörder zu sein und jemanden umzubringen (aggressive Zwangsgedanken). Mithilfe von Zwangshandlungen versuchen Betroffene, ihre Befürchtungen zu verhindern und die damit einhergehende Anspannung, Gedanken und Zweifel loszuwerden.
Damit gibt es einen (vermeintlich) großen Unterschied zu dir: Dein befürchtetes Ereignis hat bereits stattgefunden. Der Betroffene mit aggressiven Zwangsgedanken hat niemanden ermordet und der Betroffene mit Kontrollzwängen hat seine Wohnung nicht in Brand gesetzt. Du hast aber wirklich einen Fehler gemacht. Und daraus erwächst der Zweifel: Wie kann das bei diesem eklatanten Unterschied nun auch eine Zwangsstörung sein?
Dieser Gedankengang ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Und er wirkt sehr überzeugend – so überzeugend, dass vermutlich auch die meisten Therapeuten diese Form der Zwangsstörung nicht als Zwang erkennen (Zwangsgedanken über reale Ereignisse sind im deutschsprachigen Raum noch weitestgehend unbekannt). Es ist daher eine genaue Betrachtung notwendig, um diesen Zwang als Zwang zu enttarnen:
1. Es gibt eben doch eine Befürchtung
Ja, deine Zwangsgedanken und Zweifel drehen sich um ein vergangenes Ereignis. Aber das ist nicht die ganze Geschichte: Vermutlich hast auch du mindestens eine Befürchtung, die klar in der Zukunft liegt – auch wenn sich diese auf den ersten Blick nicht so offensichtlich zu erkennen gibt. Häufige Befürchtungen sind:
- Die Verurteilung durch andere, wenn sie von deinem Fehler wüssten
- Die Angst, dass das Ereignis etwas über deinen Charakter aussagt und du in Zukunft für immer damit leben musst
- Mögliche katastrophale Konsequenzen aus dem Ereignis, die in der Zukunft liegen
- Die Befürchtung, bis zu deinem Lebensende mit ständiger Anspannung (Schuld, Scham, Angst, einem Gefühl der moralischen Kontamination...) leben zu müssen und diese nicht kontrollieren zu können
2. Zweifel und Ungewissheit sind der Kern der Zwangsstörung
Die Zwangsstörung wird auch oft als „Krankheit des Zweifelns“ bezeichnet. Der Kern der Zwangsstörung ist, dass Betroffene extreme Schwierigkeiten damit haben, Ungewissheit in Bezug auf ihre Befürchtungen zu tolerieren. Wie bei jeder anderen Form der Zwangsstörung versuchst du deshalb, mit Zwangshandlungen um jeden Preis sicherzustellen, dass die oben genannten Befürchtungen niemals eintreten.
3. Ich-Dystonie
Ein typisches Merkmal der Zwangsstörung ist, dass Betroffene ihre Gedanken, Zweifel oder ihre Reaktion darauf mindestens zu einem gewissen Teil als übertrieben, unstimmig oder nicht zu sich selbst gehörig erachten. Fachleute nennen das Ich-Dystonie. Viele Betroffene beschreiben das so, als hätten sie das Gefühl, bei vollem Verstand verrückt zu werden: Sie wissen, dass ihr Zwangsthema unverhältnismäßig viel Raum einnimmt, aber schaffen es nicht, davon Abstand zu nehmen – obwohl sie es gerne würden.
Vermutlich geht dir das genauso: Selbst, wenn du voll und ganz davon überzeugt bist, einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben, ist sich mindestens ein kleiner Anteil von dir darüber bewusst, dass die Wucht deiner Schuldgefühle und dein endloses Grübeln in keinem Verhältnis dazu stehen (andernfalls würdest du diesen Artikel vermutlich nicht lesen).
4. Der Zweifel richtet sich am Ende gegen die Diagnose selbst
Wie oben geschrieben ist die Zwangsstörung die „Krankheit des Zweifelns“. Und bei vielen Betroffenen richtet sich der Zweifel auf die Diagnose selbst. Der Zweifel „Habe ich wirklich eine Zwangsstörung?“ ist einer der häufigsten der sogenannten „Meta-Zwänge“ (Zweifel auf der Meta-Ebene über die Zwangsstörung selbst). Bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse ist der offensichtlichste Angriffspunkt eines solchen Meta-Zwangs, dass ein reales Ereignis ja wirklich stattgefunden hat und es deswegen keine Zwangsstörung sein kann. Tatsächlich sind diese Meta-Zwänge aber „nur“ eine weitere Form der Zwangsstörung und ein typisches Symptom dieser Erkrankung. Sie zu haben, ist also eher ein bestätigender Hinweis für eine Zwangsstörung.
5. Typische Merkmale einer Zwangsstörung
Zwangsstörungen können sich auf alles beziehen (ja, wirklich alles!) und die unterschiedlichsten Formen annehmen. Die inhaltliche Variation ist so groß, dass man kaum meinen könnte, es handelt sich um die gleiche Erkrankung. Was den Zwang zum Zwang macht, ist allerdings nie der Inhalt der Gedanken und Zweifel und auch nicht die Frage, ob ein reales Ereignis stattgefunden hat oder nicht. Für die Diagnose und die Therapie einer Zwangsstörung ist der Inhalt sogar (größtenteils) irrelevant.
Was den Zwang zum Zwang macht, ist vielmehr das Zusammenspiel aus Zwangsgedanken, unangenehmen Emotionen und Zwangshandlungen. Typisch für alle Formen der Zwangsstörungen ist unter anderem das folgende Erleben, in dem du dich vermutlich auch wiedererkennst:
- Deine Gedanken sind extrem „klebrig“ und verschwinden nicht von alleine.
- Du verspürst eine dringende Notwendigkeit, sofort etwas gegen deine Gedanken, deine Zweifel und deine Unruhe zu unternehmen.
- Ein großer Teil deines Tages wird von den Gedanken und deinen Versuchen, mit ihnen „fertigzuwerden“, beherrscht. Dein Alltag leidet massiv darunter.
- Du bist auf einer endlosen Suche nach Erleichterung. Wenn du mal Erleichterung erfährst, hält sie nie lange.
- Obwohl du alles tust, um diesem Zustand zu entfliehen, hat nichts nachhaltig geholfen. Im Gegenteil: Es kamen immer neue Gedanken und neue Zweifel. Deine Anspannung hat eher zu- als abgenommen.
- Die Ungewissheit (in deinem Fall: Was sagt dein Fehler über dich aus? Welche Konsequenzen könnte dein Fehlverhalten haben?) fühlt sich unerträglich an, und du bist ständig auf der Suche nach einem Weg, sie loszuwerden.
- Du hast das Gefühl, mit deinem normalen Leben nicht einfach „weitermachen“ zu dürfen, bevor du alle deine Zweifel beseitigt hast und du nicht mehr den Drang verspürst, noch etwas gegen deine Unruhe tun zu müssen.
Zwangsgedanken über reale Ereignisse vs. Depression, Trauma und zwanghafte Persönlichkeitsstörung
Sich an einem vergangenen Ereignis unverhältnismäßig abzuarbeiten, kommt nicht nur bei der Zwangsstörung vor. Auch andere psychische Erkrankungen können sich um vergangene Ereignisse drehen. Gerade weil bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse ein solches echtes Ereignis im Spiel ist, lässt sich die Grenze nicht immer auf den ersten Blick ziehen – und manchmal gibt es auch Überschneidungen.
Das entscheidende Merkmal von Zwangsgedanken haben wir bereits oben kurz genannt: Sie werden in der Regel ich-dyston erlebt. Ich-dyston heißt bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse: Deine Reaktion auf das Ereignis fühlt sich für dich mindestens zu einem gewissen Anteil fremd, übertrieben, störend oder unstimmig an. Das äußert sich auch dadurch, dass du gegen deine Zwangsgedanken und unangenehmen Gefühle Widerstand leistest und aktiv versuchst, sie loszuwerden. Du bist dir auch darüber bewusst, dass deine quälenden Schuldgefühle, dein ständiges Grübeln und deine Zwangshandlungen in keinem Verhältnis zur Schwere deines Fehlers stehen. Zumindest würde ein gewisser Teil von dir das so unterschreiben.
Ich-synton heißt dagegen: Deine Bewertung und deine emotionale Reaktion auf das Ereignis fühlen sich für dich vollkommen stimmig an. Du leistest keinerlei Widerstand dagegen. Du bist bspw. vollkommen davon überzeugt, dass du etwas Unverzeihliches getan hast und du deswegen ein schlechter Mensch bist und bestraft gehörst.
Der Unterschied zwischen Ich-Syntonie und -Dystonie ist zur Beurteilung von Zwangsgedanken über reale Ereignisse besonders relevant. Die größte Verwechslungsgefahr besteht nämlich mit zwei Störungsbildern, die ein sehr ähnliches Erscheinungsbild haben, bei denen Fehler und Schuld aber ich-synton verarbeitet werden: Die Depression und die zwanghafte Persönlichkeitsstörung.

Du bist nicht alleine!
Niemand mit einer Zwangsstörung sollte alleine leiden. Deshalb haben wir OCD Land Gold ins Leben gerufen. Unsere Gold-Mitgliedschaft bietet dir nicht nur umfangreiches Expertenwissen, sondern auch eine Gemeinschaft, die dich auffängt, unterstützt und begleitet.
Mehr erfahrenDepression vs. Zwangsgedanken über reale Ereignisse
Schuldgefühle gehören zu den häufigsten Begleitern einer Depression, aber sie werden meist ich-synton erlebt. Betroffene einer Depression denken eher „Weil ich diesen Fehler gemacht habe, bin ich ein Versager / eine Enttäuschung / ein schlechter Mensch.“. Diese Gedanken und die damit einhergehenden Gefühle fühlen sich stimmig und angemessen an. Obwohl sie als quälend erlebt werden, drängen sie sich nicht auf und Betroffene leisten keinen Widerstand dagegen: Es gibt keine Versuche, diese mithilfe von Zwangshandlungen loszuwerden.
Betroffene von Zwangsgedanken über reale Ereignisse grübeln hingegen eher über die Bedeutung und die Konsequenzen ihres Fehlers: „Wie schlimm war mein Fehler wirklich? Was würden andere darüber sagen? Welche Folgen könnte mein Fehler haben?“ Der quälende Motor sind der Zweifel und der Drang nach Gewissheit, der zu Zwangshandlungen führt. Die Gedanken und die damit einhergehenden Gefühle werden mindestens zu einem gewissen Ausmaß als übertrieben und unstimmig erlebt und Betroffene versuchen – erfolglos – Widerstand dagegen zu leisten.
Eine Zwangsstörung und Depression treten allerdings auch sehr häufig zusammen auf. Nicht selten entwickelt sich aus der Dauerbelastung einer Zwangsstörung zusätzlich eine Depression. Mehr über Zwangsstörungen und Depressionen erfährst du in dieser Podcast-Folge.
Zwanghafte Persönlichkeitsstörung vs. Zwangsgedanken über reale Ereignisse
Auch zur zwanghaften Persönlichkeitsstörung gibt es Unterschiede. Sie hat trotz des Namens wenig mit einer Zwangsstörung zu tun, sondern beschreibt eine über Jahre stabile Charaktereigenschaft aus überhöhtem Perfektionismus, Kontrollbedürfnis und sehr strengen moralischen Maßstäben.
Ein vergangener Fehler wird hier ganz anders verarbeitet: Zwar verurteilt sich die Person hart, aber dieses strenge Urteil fühlt sich nicht fremd oder übertrieben an, sondern vollkommen richtig und angemessen. Diese hohen Ansprüche werden also als ich-synton erlebt, also als Teil der eigenen Person. Entsprechend fehlt oft die Einsicht, dass damit etwas nicht stimmt.
Bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse erlebst du deine Gedanken und Schuldgefühle dagegen als aufdringlich und übertrieben – als etwas, das du loswerden willst. Daraus entsteht das für Zwangsstörungen typische Zusammenspiel aus Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, das es so bei der zwanghaften Persönlichkeitsstörung nicht gibt.
Trauma vs. Zwangsgedanken über reale Ereignisse
Aufdringliche Erinnerungen, Grübeln und Schuldgefühle können auch bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auftreten. Bei einer PTBS steht das Wiedererleben eines extrem belastenden und bedrohlichen Ereignisses im Zentrum. In sogenannten Flashbacks taucht die Situation mit all ihren Sinneseindrücken wieder auf – Bilder, Geräusche, Körperempfindungen –, als geschähe sie gerade jetzt. Der Körper schaltet dann in den Überlebensmodus.
Bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse stehen dagegen Zweifel, Ungewissheit und der typische Zwangskreislauf im Mittelpunkt: Erinnerungen drängen sich zwar auch auf unangenehmste Weise auf, lösen aber vor allem Zweifel und Anspannung aus, auf die du mit Zwangshandlungen reagierst. Du bist immer auf der Suche nach Gewissheit und einem eindeutigen Urteil darüber, was das Ereignis über dich aussagt, und versuchst, die Folgen deines Fehlers um jeden Preis zu verhindern.
Ein weiterer Anhaltspunkt ist das auslösende Ereignis: Bei einer PTBS war man in der Regel selbst das Opfer oder Zeuge des extrem bedrohlichen Ereignisses. Bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse geht es dagegen meist um das eigene Handeln und die Frage, ob man sich damit schuldig gemacht hat. Fast immer sind die realen Ereignisse, auf die sich Zwangsgedanken beziehen, nicht extrem bedrohlich, sondern alltäglicher.
Mehr über Zwangsstörungen und Trauma erfährst du in dieser Podcast-Folge.
Hinweise zur Diagnose
Das Lesen dieses Artikels ersetzt keine Diagnose einer Fachperson. Ziel dieses Abschnitts ist lediglich, die Kernunterschiede zu ähnlichen Störungen zu zeigen. Auch ist es möglich, mehrere Störungen gleichzeitig zu haben. Wenn du dich in dem ich-dystonen Erleben wiedererkennst, dann wollen wir dich ermutigen, das bei einer Fachperson anzusprechen, die sich mit Zwangsstörungen auskennt. Zwangsgedanken über reale Ereignisse sind im deutschsprachigen Raum allerdings weitestgehend unbekannt. Es kann hilfreich sein, diesen Artikel in ausgedruckter Form mit ins Gespräch zu nehmen.
Nächste Schritte
Im dritten Teil dieser Artikelreihe erfährst du, wie du dich Schritt für Schritt aus dem Teufelskreis des Zwangs befreist. Wir zeigen dir, welche typischen Denkfehler hinter deinen Zwangsgedanken stecken und wie du dich von ihnen lösen kannst. Außerdem erklären wir, wie du dich mithilfe von Expositionen deinen Befürchtungen stellst und Schritt für Schritt in dein altes Leben zurückfindest.
Teil 1 – Zwangsgedanken über reale Ereignisse (Real Event OCD)
Teil 2 – Zwangsgedanken über reale Ereignisse: Ist es wirklich Zwang? (dieser Artikel)
Über die Autoren

Martin hat OCD Land gegründet, damit sich Betroffene einer Zwangsstörung endlich auch im Internet über effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsverfahren informieren und auszutauschen können. Er ist Entwickler der OCD Land-Webseite, Host des Zwanglos-Podcasts, Autor auf dem OCD Land-Blog und Moderator im Community-Forum.

PD Dr. Susanne Fricke ist psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis und in der Aus- und Weiterbildung als Dozentin und Supervisorin tätig. Vor ihrer Niederlassung hat sie als leitende Psychologin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gearbeitet (Schwerpunkt: Angst- und Zwangsstörungen). Sie ist Autorin und Mitautorin vieler Fach- und Selbsthilfebücher, z.B. Zwangsstörungen verstehen und bewältigen*.
