Zwangsgedanken über reale Ereignisse (Real Event OCD)

Von Martin Niebuhr und PD Dr. Susanne Fricke

Zwangsgedanken über reale Ereignisse (Real Event OCD)

Quält dich seit Monaten oder Jahren die Erinnerung an einen Fehler, den du begangen hast? Gehst du das Ereignis im Kopf immer wieder durch, um herauszufinden, was es über dich aussagt und was die Folgen davon sein könnten? Fragst du dich ständig, wie du deinen Fehler wieder rückgängig machen kannst, damit du dein Leben endlich wieder weiterleben kannst? Und kommst du vor lauter Anspannung oder Schuld- und Schamgefühlen einfach nicht mehr zur Ruhe? Wenn du dich hier wiedererkennst, könntest du unter Zwangsgedanken über reale Ereignisse leiden. Mithilfe verhaltenstherapeutischer Verfahren gelten Zwangsgedanken heutzutage als sehr gut therapierbar.

Einen Fehler zu machen, ist zutiefst menschlich. Jeder von uns hat Dinge getan, auf die er nicht stolz ist: Im Streit etwas Verletzendes gesagt, eine Notlüge erzählt, einen Freund im Stich gelassen, als Jugendlicher etwas geklaut oder unvorsichtig einen groben Fehler gemacht.

Erinnerungen, bei denen wir innerlich zusammenzucken, trägt jeder mit sich. Bei den meisten Menschen verblassen diese Erinnerungen jedoch mit der Zeit und werden zu einem abgeschlossenen Kapitel. Sie tauchen vielleicht ab und zu auf, aber sie nagen nicht mehr an einem. Man hat seinen Frieden mit ihnen geschlossen.

Bei dir ist das anders. Egal, ob dein Fehler gerade erst geschehen oder schon lange her ist – er lässt dich einfach nicht mehr los. Du leidest unter einem quälenden schlechten Gewissen, starken Schuld- und Schamgefühlen, einer immensen inneren Unruhe und einer tiefen Verunsicherung, weil du nicht weißt, was dein Fehler über dich als Mensch aussagt, welche Konsequenzen er haben könnte oder in welchem Licht dich deine Mitmenschen nun sehen.

Vielleicht hast du dich für deinen Fehler sogar längst entschuldigt, ihn gebeichtet oder versucht, ihn wiedergutzumachen – und trotzdem kannst du mit deiner Vergangenheit einfach nicht abschließen. Unermüdlich suchst du nach Erlösung und der einen Erkenntnis, die endlich Klarheit bringt und dich entlastet. Stundenlang bist du am Grübeln: Du gehst immer wieder deine Erinnerung durch, argumentierst innerlich mit dir selbst oder versuchst dich zu überzeugen, dass dein Fehler doch gar nicht so schlimm war.

Vermutlich hast du schon im Internet recherchiert, um herauszufinden, wie schwerwiegend dein Fehler wirklich war, oder wie andere darüber hinweggekommen sind. Vielleicht hast du dich auch jemandem anvertraut, in der Hoffnung, zu hören, dass dein Verhalten halb so schlimm war und keine Folgen haben wird. Getrieben durch den Wunsch nach Erlösung fühlst du dich gedrängt, ja fast schon gezwungen, deinen Fehler wieder auszugleichen und deine Schuldgefühle loszuwerden. Doch egal, was du tust – wenn überhaupt findest du nur kurzfristig Ruhe, bis dich die Erinnerung an das Ereignis wieder einholt.

Wenn du das hier liest, ahnst du vielleicht schon, dass mit der Art, wie dich dieses Ereignis gefangen hält, etwas nicht stimmt. Vermutlich bist du dir irgendwie bewusst, dass deine emotionale Reaktion auf deinen Fehler übertrieben ist. Du kommst dir vor, als würdest du bei vollem Verstand verrückt werden, denn andere Menschen leben doch auch mit ihren Fehlern. Und anscheinend bist du der Einzige, der es nicht schafft, sein Leben danach einfach weiterzuleben.

Wenn du dich in dieser Beschreibung wiederfindest, dann könntest du unter einer häufig übersehenen Form von Zwangsgedanken leiden: Zwangsgedanken über reale Ereignisse (Englisch: Real Event OCD). In diesem Artikel erklären wir dir, was es damit auf sich hat – und wie du deine Zwangsstörung mit wissenschaftlich fundierten Strategien überwinden kannst.

Hinweis: In dieser Artikel-Reihe besprechen wir Zwangsgedanken über reale Ereignisse insbesondere in Verbindung mit moralischen Zwangsgedanken. Reale Ereignisse können aber auch bei anderen Formen der Zwangsstörung eine Rolle spielen. Auch darauf gehen wir im weiteren Verlauf dieser Artikel-Reihe ein.

Was sind Zwangsgedanken über reale Ereignisse?

Zwangsgedanken über reale Ereignisse sind eine Form der Zwangsstörung, bei der sich aufdringliche Gedanken und Zweifel um ein reales Ereignis aus der eigenen Vergangenheit drehen. In den meisten Fällen dreht es sich um einen moralischen Fehltritt bzw. um etwas, das sich für Betroffene so anfühlt. Dabei werden sie von einem unangemessen starken schlechten Gewissen, Schuld- und Schamgefühlen und/oder einer immensen Anspannung gequält. Um sich davon zu befreien, greifen sie – erfolglos – auf verschiedenste Bewältigungsversuche zurück: Sie grübeln stundenlang über ihren Fehler und seine möglichen Folgen, versuchen ihre Gedanken zu unterdrücken, recherchieren im Internet nach Lösungen oder beichten ihren Fehler immer wieder bei anderen.

Im Gegensatz zu anderen Menschen, welche Reue, ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle nach einem Fehler nur vorübergehend spüren (eine zutiefst menschliche und völlig gesunde Reaktion), werden Betroffene von Zwangsgedanken über reale Ereignisse dauerhaft und sehr viel häufiger und intensiver davon geplagt – in einem Ausmaß, das ihren Alltag stark beeinträchtigt. Ihre emotionale Reaktion sowie die Bewältigungsversuche, mit ihrem Fehler und den damit einhergehenden Schuldgefühlen umzugehen, stehen in keinem Verhältnis zur Schwere des Fehlers. Wir werden in dieser Artikel-Reihe noch ausführlicher darauf eingehen, wie sich Zwangsgedanken über reale Ereignisse von einem normalen Umgang mit Fehlern und Schuld unterscheiden.

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Wie äußern sich Zwangsgedanken über reale Ereignisse?

Zwangsgedanken über reale Ereignisse beginnen mit einem Auslöser: einem realen Ereignis aus deiner Vergangenheit. Das kann gestern gewesen sein oder vor dreißig Jahren. Eine Auswahl realer Auslöser, um die die Gedanken von Betroffenen immer wieder kreisen:

  • Du hast in einem Meeting eine etwas unfreundliche Bemerkung über eine Kollegin gemacht.
  • Du hast in der Schule einen Mitschüler gehänselt oder gemobbt.
  • Du hast in der schlimmstmöglichen Art und Weise die Beziehung mit einer Freundin beendet.
  • Du hast einen heftigen Streit gehabt, in dem Dinge gesagt wurden, die du heute bereust.
  • Du hast bei einer Klausur oder einer Steuererklärung geschummelt.
  • Du hast die Idee einer Kollegin als deine eigene ausgegeben.
  • Du hast als Jugendlicher etwas gestohlen.
  • Du hast bei einem derben Streich mitgemacht, der für jemanden verletzend war.
  • Du hast eine abfällige oder rassistische Bemerkung gemacht.
  • Du hast betrunken am Steuer gesessen.
  • Du hast einer Freundin, die dir von Herzrasen und Schwindel erzählte, geantwortet, sie sei wohl nur unsportlich – und sie ist später ernsthaft erkrankt.
  • Du hast deinen Partner betrogen.
  • Du hast mit jemandem geflirtet, während du in einer Beziehung warst.
  • Du hast als Kind „Doktorspiele“ mit einem anderen Kind gemacht.
  • Du hast jemanden zu etwas Sexuellem überredet und im Nachhinein das Gefühl, die Person sei nicht ganz einverstanden gewesen.

Vielleicht ist dir aufgefallen, dass diese Ereignisse von Außenstehenden vermutlich unterschiedlich moralisch bewertet würden. Bei manchen würden die meisten Menschen abwinken, bei anderen die Stirn runzeln und andere vielleicht offen verurteilen. Diesen Aspekt – und was er für die Frage „Ist das überhaupt eine Zwangsstörung?“ bedeutet – stellen wir aber erstmal hintenan. Mehr dazu später.

Aus dem Ereignis erwachsen die eigentlichen Zwangsgedanken – aufdringliche, unerwünschte Gedanken, Bilder und Erinnerungen, die dich unentwegt heimsuchen und starke unangenehme Gefühle auslösen. Im Vordergrund stehen dabei sowohl das Ereignis selbst als auch alle Zweifel und Sorgen, die damit in Verbindung stehen.

Beispiele für Zwangsgedanken über reale Ereignisse

  • Aufdringliche Erinnerungen und Bilder an das Ereignis, die immer wieder ungebeten auftauchen.
  • Die Angst vor realen Folgen deines Fehlers.
  • Die Angst, dass das, was du getan hast, eine Straftat war, und die Sorge, eines Tages dafür belangt zu werden.
  • Die Vorstellung, dass geliebte Menschen dich verachten, ablehnen oder fallenlassen würden, wenn sie wüssten, was du getan hast.
  • Die Befürchtung, dass du es eines Tages wieder tun könntest, und dass das Ereignis verrät, wozu du fähig bist.
  • Der Gedanke, dass dieser eine Fehler dein Leben unwiderruflich verändert hat und etwas Schlechtes in deinem Leben die direkte Folge davon ist.
  • Die Befürchtung, dass das Ereignis beweist, dass du in Wahrheit ein schlechter, unmoralischer, hinterhältiger, grausamer oder verlogener Mensch bist.
  • Der Gedanke, dass du einem Menschen, der dir wichtig ist, dauerhaftes Leid zugefügt hast.
  • Der quälende Zweifel, ob du der anderen Person mehr geschadet hast, als du dich erinnerst.
  • Die Angst, dass dieser Zustand dich nie wieder verlässt und dass du wegen dieses einen Fehlers bis an dein Lebensende psychisch leiden wirst – vielleicht sogar mit dem Gedanken, dass genau dieses Leiden die gerechte Strafe für deinen Fehler ist.
  • Der Gedanke, dass du für deine Tat bestraft werden müsstest und kein gutes Leben verdienst – dass du nicht glücklich sein darfst, solange die Sache nicht geklärt ist.
  • Die Angst davor, dass die Schuld nachlässt: Wenn du dich einmal weniger schlecht fühlst, deutest du ausgerechnet das als Beweis, dass du kaltherzig geworden bist oder das, was du getan hast, insgeheim gutheißt.
  • Überwältigende Schuld- und Schamgefühle, oft ohne dass du genau benennen könntest, warum sie so unverhältnismäßig stark sind.

Damit einher gehen starke unangenehme Gefühle wie bspw. ein schlechtes Gewissen, Schuld, Scham, Angst, Reue, eine generelle Anspannung oder ein quälendes Gefühl der moralischen Unvollständigkeit und Dysbalance.

Problematische Bewältigungsstrategien: Zwangshandlungen, Vermeidung und Absicherung

Wie bei allen anderen Zwängen greifen auch Betroffene von Zwangsgedanken über reale Ereignisse auf problematische Bewältigungsstrategien zurück, mit denen sie versuchen, ihre unangenehmen Gedanken und Gefühle endlich loszuwerden oder ihre Befürchtungen zu verhindern. Wir nennen diese Strategien bewusst „problematisch“, denn sie vermitteln den Eindruck, dass sie die Zwangsgedanken und die damit einhergehende Anspannung auflösen können. Tatsächlich verursachen sie langfristig aber genau das Gegenteil. Zu diesen problematischen Bewältigungsstrategien gehören in erster Linie Zwangshandlungen und Vermeidungen.

Bei Zwangshandlungen denkst du vielleicht erstmal an Wasch- und Kontrollzwänge, bei denen die Zwangshandlungen (waschen, kontrollieren) für Außenstehende sofort ersichtlich sind. Bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse spielt sich aber das meiste im Kopf ab – man spricht hier von Grübelzwängen. Auch wenn die Zwangshandlungen rein gedanklich (mental) ablaufen, unterscheiden sie sich in ihrem Wesen nur unwesentlich von anderen Zwängen. Sie werden daher mit den gleichen Ansätzen therapiert und sind auch genauso gut therapierbar.

Mithilfe von mentalen Zwangshandlungen versuchst du aktiv, deinem Zweifel, deiner Unruhe und deinen Befürchtungen gedanklich etwas entgegenzusetzen. Du befindest dich in einer fruchtlosen Endlosschleife aus kurzfristigen Beruhigungen und neuen Zwangsgedanken: „So schlimm war das damals doch gar nicht. Aber würden andere das auch so sehen? Naja, ich habe mich doch längst entschuldigt. Aber eine Entschuldigung macht es nicht ungeschehen. Andere machen solche Fehler auch und kommen darüber hinweg. Ja, aber wenn ich mich noch schuldig fühle, heißt das nicht, dass ich noch schuldig bin?“

Mithilfe dieser Gehirnakrobatik möchtest du endlich Gewissheit darüber erlangen, wie schlimm das Ereignis wirklich war und was es über dich als Mensch aussagt. Doch genau wie bei anderen Formen der Zwangsstörung nutzt sich der Effekt von Zwangshandlungen schnell ab: Die Beruhigung hält, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit an. Schnell taucht ein neues Detail auf, eine neue Frage, ein neuer Zweifel – und der Kreislauf des Zwangs beginnt von vorn.

Beispiele für mentale Zwangshandlungen

  • Mentale Rückschau: Du spielst das Ereignis wieder und wieder in deinem Kopf ab – was passiert ist, was hätte passieren sollen, wie sich ein „guter“ Mensch verhalten hätte.
  • Mentale Rekonstruktion: Du versuchst, dich an jedes kleinste Detail zu erinnern. Vielleicht zweifelst du auch an der Genauigkeit deiner Erinnerung.
  • Hypothetische Selbsttests: Du fragst dich „Was hätte ich getan, wenn dieser eine Faktor anders gewesen wäre?“ oder „Wie würden andere mein Verhalten beurteilen?“
  • Dich selbst verhören: Du versuchst herauszufinden, was genau passiert ist, warum es passiert ist und was es über dich als Person aussagt.
  • Rationalisieren: Du versuchst, dir selbst zu erklären, warum dein Verhalten doch in Ordnung war.
  • Selbst-Rückversicherung: Du redest dir innerlich ein, dass du ein guter, moralischer Mensch bist und nichts wirklich Schlimmes getan hast.
  • Vergleich mit anderen: Du analysierst das Verhalten anderer Menschen, um dich und deine Tat moralisch einordnen zu können – „Andere haben Schlimmeres getan“ oder „Ein guter Mensch hätte das nie gemacht“.
  • Gedanken neutralisieren oder verdrängen: Du versuchst, die unangenehmen Gedanken zu verdrängen, durch „gute“ Gedanken zu ersetzen, sie mit Affirmationen oder Gebeten „abzuwehren“ oder die Tat in Gedanken ungeschehen zu machen.
  • Mentale Selbstbestrafung: Du kritisierst und beschimpfst dich innerlich, um die Schuld zu „begleichen“.
  • Sich absichtlich schuldig fühlen: Du hältst die Schuldgefühle bewusst aufrecht – als wäre das Leiden selbst der Beweis, dass dir die Sache nicht egal ist und du kein schlechter Mensch bist.
  • Die eigenen Gefühle überwachen: Du beobachtest ständig, wie schuldig oder angespannt du dich fühlst, um zu überprüfen, ob du deinen Fehler überwunden hast oder noch eine Restschuld besteht.
  • Zukunft absichern: Du spielst Szenarien durch, in denen sich etwas Ähnliches wiederholen könnte, und versuchst, dir mit absoluter Gewissheit zu beweisen, dass du dich dann anders verhalten würdest.
  • Endloses Abwägen: Du zerbrichst dir den Kopf, ob du die geschädigte Person nach all der Zeit kontaktieren und dich entschuldigen sollst oder besser Abstand hältst.

Beispiele für sichtbare Zwangshandlungen

  • Rückversicherung einholen: Du fragst andere – vor allem Menschen, die dabei waren oder die für deinen Charakter „bürgen“ können – wiederholt, ob dein Verhalten wirklich so schlimm war oder ob du ein guter Mensch bist.
  • Reaktionen anderer abscannen: Auch ohne direkt nachzufragen, deutest du ständig das Verhalten anderer – Ist sie verärgert? Schaut er mich komisch an? Weiß sie etwas? –, um dich rückzuversichern.
  • Gestehen und Beichten: Du erzählst/beichtest dein Fehlverhalten immer wieder – Partnerin, Freunden, Familie, vielleicht einem Geistlichen –, um dich emotional zu entlasten.
  • Übermäßiges Entschuldigen: Du entschuldigst dich exzessiv, zu unpassenden Gelegenheiten oder bei Menschen, die längst nicht mehr daran denken.
  • Recherchieren und Googeln: Du suchst stundenlang im Internet – wie solche Vergehen bestraft werden, wie andere ein ähnliches Ereignis überwunden haben, wie man sich selbst vergibt oder was es überhaupt bedeutet, ein guter Mensch zu sein.
  • Die geschädigte Person beobachten: Du folgst der „geschädigten Person“ in sozialen Medien oder suchst nach Hinweisen, ob dein Verhalten ihr Leben dauerhaft beschädigt hat.
  • Den Ort des Geschehens aufsuchen: Du gehst immer wieder an den Ort des Geschehens zurück, um die Szene im Kopf nachzustellen oder zu prüfen, wie du dich dabei fühlst.
  • Wiedergutmachung erzwingen: Du versuchst, vergangene Fehler durch übertrieben „gute Taten“ auszugleichen. Du spendest oder hilfst über die Maßen, um dich „freizukaufen“.
  • Rechtliche Schritte erwägen: Manche Betroffene ziehen ernsthaft in Betracht, sich der Polizei zu stellen oder einen Anwalt zu konsultieren – für etwas, das niemand sonst je verfolgen würde.

Beispiele für Vermeidung und Absicherung

  • Du meidest Orte, Menschen, Lieder, Filme oder Themen, die dich an das Ereignis erinnern.
  • Du gehst der geschädigten Person konsequent aus dem Weg.
  • Du vermeidest gezielt Freude und schöne Erlebnisse, weil du das Gefühl hast, sie nicht verdient zu haben, solange die Sache nicht geklärt ist.
  • Du lenkst dich krampfhaft ab – mit Arbeit, Serien oder ständiger Beschäftigung –, nur um die Gedanken nicht denken zu müssen.

Zwangshandlungen wirken kurzfristig oft entlastend – aber sie verstärken langfristig dein Leiden: Sie suggerieren, dass du aktiv etwas gegen deine Anspannung und deine Zweifel unternehmen kannst, aber in Wahrheit halten sie den Kreislauf der Zwangsstörung am Leben.

Hinweis: Jeder Zwang ist anders und damit genauso die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen eines jeden Betroffenen. Vielleicht hast du dich in den oben genannten Beispielen wiedergefunden – vielleicht aber auch nicht. Welche problematischen Bewältigungsstrategien bei dir im Vordergrund stehen und worum genau dein Zwang kreist, ist sowohl für die Therapie als auch für die Therapieaussichten irrelevant. Entscheidend ist allein das gemeinsame Muster dahinter.

Zwangsgedanken über reale Ereignisse: Gemeinsamkeiten und Überschneidungen mit anderen Formen der Zwangsstörung

Zwangsgedanken über reale Ereignisse haben auch Überschneidungen mit anderen Formen der Zwangsstörung. Die Übergänge sind häufig fließend und viele Betroffene leiden im Laufe ihres Lebens unter mehreren Formen der Zwangsstörung.

Moralische Zwangsgedanken

Zwangsgedanken über reale Ereignisse überschneiden sich in der Regel mit moralischen Zwangsgedanken, bei denen sich alles um die quälende Sorge dreht, kein guter Mensch zu sein oder moralisch versagt zu haben. Betroffene verspüren einen starken inneren Drang, den eigenen oder gesellschaftlichen Werten perfekt zu entsprechen und über jedes normale Maß hinaus moralisch absolut integer zu sein. Der Hauptunterschied: Bei moralischen Zwangsgedanken muss nicht zwangsläufig ein reales Ereignis vorgefallen sein, auf das sie sich beziehen. Allerdings fällt beides häufig zusammen. Wenn dich der moralische Aspekt deines Zwangs besonders quält, lohnt sich der Blick in die Artikelreihe zu moralischen Zwangsgedanken, die viele der hier beschriebenen Inhalte vertieft.

Zwangsgedanken und falsche Erinnerungen (False Memory OCD)

Ähnlich mit Zwangsgedanken über reale Ereignisse, aber doch klar zu unterscheiden, ist das sogenannte False Memory OCD (Zwangsgedanken zu falschen Erinnerungen). Der Unterschied: Bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse weißt du, dass das Ereignis stattgefunden hat. Deine Zweifel und Sorgen drehen sich um die Bedeutung deines Fehlers oder die möglichen Folgen. Bei False Memory OCD ist sich die betroffene Person dagegen nicht sicher, ob ein gewisses Ereignis vorgefallen ist oder wie es im Detail abgelaufen ist. Beide Formen können auch ineinander übergehen.

Weitere Überschneidungen mit anderen Formen der Zwangsstörung

Auch andere Formen der Zwangsstörung können einen Bezug zu einem realen Ereignis haben. Schwerpunktmäßig steht hier aber oft weniger das Ereignis selbst, sondern das inhaltliche Thema des jeweiligen Zwangs im Vordergrund.

  • Sexuelle Orientierung (SO-OCD): „Ich habe als Kind wirklich jemanden des gleichen Geschlechts geküsst – heißt das nicht, dass ich homosexuell bin?“
  • Aggressive Zwangsgedanken: „Ich habe meiner Freundin als Kind doch wirklich Kaugummi ins Haar geschmiert – weil ich es wollte. Heißt das nicht, dass ich auch jemanden umbringen könnte?“
  • Beziehungszwänge (ROCD): „Ich habe mich im Club doch wirklich nett mit diesem Typen unterhalten – habe ich nicht in Wahrheit mit ihm geflirtet? Heißt das nicht, dass ich meinen Partner gar nicht richtig liebe?“
  • Pädophilie-bezogene Zwangsgedanken (POCD): „Ich habe als Kind mit einem anderen Kind doch wirklich Doktorspiele gemacht – heißt das nicht, dass ich pädophil bin?“
  • Kontaminationsangst: „Ich habe bei der Arbeit im Labor wirklich einen Fehler gemacht – was, wenn ich dadurch etwas Gefährliches in Umlauf gebracht habe?“
  • Kontroll- und Verantwortungszwang: „Ich habe als Kind doch wirklich einen Stein die Böschung zum Fluss hinuntergerollt – was, wenn ich damit jemanden getroffen und schwer verletzt habe?“

Das alles sind lediglich typische Beispiele. Zwangsstörungen können sich thematisch in allen Kombinationen und in unendlicher Vielfalt äußern.

Du bist nicht alleine!

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Wie entstehen Zwangsgedanken über reale Ereignisse und wie werden sie aufrechterhalten?

Vielleicht fragst du dich, wieso ausgerechnet du unter Zwangsgedanken über reale Ereignisse leidest. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Biologische Faktoren

Es gibt Hinweise darauf, dass Betroffene von Zwängen eine genetische Veranlagung für das Ausbilden von Zwangssymptomen haben. Diese Veranlagung bedeutet nicht zwangsläufig, dass man eine Zwangsstörung entwickelt, aber sie macht es wahrscheinlicher. Sie kann sich zum Beispiel in einer geringeren Toleranz gegenüber Ungewissheit äußern: Während andere Menschen die Ungewissheit, wie schlimm ein vergangenes Ereignis nun wirklich war, recht schnell wieder ziehen lassen, fällt dir genau das schwer. Das Gefühl von Gewissheit will sich einfach nicht einstellen – und deshalb hilft dir auch stundenlanges Grübeln nicht weiter.

Bei Menschen mit Zwangsstörungen lässt sich außerdem mithilfe von Gehirnscans eine Überaktivität bestimmter Hirnregionen feststellen. Die gute Nachricht: Diese Überaktivität ist nicht permanent, sondern kann mithilfe der richtigen Therapie dauerhaft abgebaut werden. Auch der Botenstoff Serotonin scheint eine Rolle zu spielen, was erklärt, weshalb eine medikamentöse Behandlung mit SSRIs positive Effekte haben kann.

Psychologische Faktoren und Lernerfahrungen

Entscheidend sind auch psychologische Faktoren wie individuelle Persönlichkeitsmerkmale, die Erziehung der Eltern, prägende Lebensereignisse, Lernerfahrungen und Lebensumstände. Beispielsweise könntest du dir die hohen moralischen Standards oder das starke Verantwortungsgefühl deiner Eltern zu eigen gemacht haben.

Viele Menschen mit Zwangsgedanken über reale Ereignisse waren schon vor dem Ausbruch der Erkrankung besonders gewissenhafte, verantwortungsbewusste Menschen mit hohen moralischen Ansprüchen, denen sehr daran gelegen war, sich richtig zu verhalten und niemandem zu schaden. Gerade weil dir Integrität und richtiges Handeln so wichtig sind, ist der Zwang auf einen idealen Nährboden gestoßen, nachdem du einen Fehler gemacht hast.

In der Regel führt die Kombination aus biologischen und psychologischen Faktoren unter bestimmten Lebensumständen zum Ausbruch einer Zwangserkrankung. Was auch immer die Gründe in deinem Fall waren – du hast dir diese Erkrankung nicht ausgesucht. Sie ist weder das Ergebnis eines schwachen Charakters noch trifft dich eine Schuld daran.

Wie wird der Zwang aufrechterhalten?

Wichtig ist: Die Gründe für die Entstehung deines Zwangs sind für seine Behandlung weitgehend irrelevant – ähnlich wie es für einen Raucher, der aufhören möchte, irrelevant ist, warum er einst damit angefangen hat.

Wahrscheinlich hast du bereits die Erfahrung gemacht, dass dir Zwangshandlungen vielleicht kurzfristig Beruhigung verschafft haben, aber gleichzeitig dazu geführt haben, dass deine Zwangsgedanken und deine Anspannung langfristig immer stärker wurden.

Alle deine Bewältigungsversuche haben bisher nicht funktioniert, sondern das Gegenteil bewirkt: Je mehr du gegen deine Gedanken kämpfst, desto stärker verbeißen sie sich. Das ist auch der Grund, weswegen Zwangsgedanken trotz aller Mühe und Anstrengung nicht einfach so verschwinden. Je mehr Energie du für den Kampf gegen sie aufwendest, desto stärker kämpfen sie zurück. Kurz gesagt: Zwangshandlungen lösen kein Problem – sie sind das Problem!

„Bei mir ist das anders!“ – Wenn Zweifel an der Zwangsstörung bestehen

Vielleicht hast du dich in vielem hier wiedererkannt, aber eine hartnäckige Stimme in deinem Hinterkopf meldet weiterhin ihre Zweifel an:

  • Woher weiß ich, dass es sich um eine Zwangsstörung und nicht um „berechtigte“ Schuld handelt? Und ist es auch eine Zwangsstörung, wenn ich einen „schwerwiegenden“ Fehler begangen habe, den auch die meisten anderen Menschen verurteilen würden?
  • Sind Zwangsgedanken über reale Ereignisse wirklich eine Form der Zwangsstörung? Schließlich beziehen sich meine Zwangsgedanken doch auf ein reales Ereignis und nicht auf eine Befürchtung in der Zukunft.
  • Könnte mein Leid nicht eher durch eine Depression, ein Trauma oder etwas ganz anderes erklärt werden? Wie erkennt man, dass es sich um eine Zwangsstörung handelt?

Diese Fragen und Zweifel sind bei Zwangsgedanken über reale Ereignisse so verbreitet, dass sie fast schon zum Symptom selbst gehören. Wir gehen im zweiten Teil dieser Artikelreihe ausführlich darauf ein.

Teil 1 – Zwangsgedanken über reale Ereignisse (Real Event OCD) (dieser Artikel)

Teil 2 – Zwangsgedanken über reale Ereignisse: Ist es wirklich Zwang?

Teil 3 – Zwangsgedanken über reale Ereignisse: Therapie

Über die Autoren
Martin Niebuhr
Martin Niebuhr

Martin hat OCD Land gegründet, damit sich Betroffene einer Zwangsstörung endlich auch im Internet über effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsverfahren informieren und auszutauschen können. Er ist Entwickler der OCD Land-Webseite, Host des Zwanglos-Podcasts, Autor auf dem OCD Land-Blog und Moderator im Community-Forum.

PD Dr. Susanne Fricke
PD Dr. Susanne Fricke

PD Dr. Susanne Fricke ist psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis und in der Aus- und Weiterbildung als Dozentin und Supervisorin tätig. Vor ihrer Niederlassung hat sie als leitende Psychologin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gearbeitet (Schwerpunkt: Angst- und Zwangsstörungen). Sie ist Autorin und Mitautorin vieler Fach- und Selbsthilfebücher, z.B. Zwangsstörungen verstehen und bewältigen*.