Zwangsstörungen: Ratgeber für Angehörige

Von Dr. med. vet. Elke Atzpodien, PD Dr. Susanne Fricke und Martin Niebuhr


Steht dir jemand nahe, der unter einer Zwangsstörung leidet? Fühlst du dich oft hilflos, gereizt oder überlastet, weil du die Gedanken und Handlungen des Betroffenen nicht nachvollziehen kannst und sie deinen Alltag bestimmen? Fragst du dich, wie du ihn am besten unterstützen kannst, ohne die Situation zu verschärfen? Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, bist du hier genau richtig. Dieser Ratgeber bietet dir nicht nur fundierte Informationen, sondern auch praktische Tipps, die dir und deinem betroffenen Angehörigen helfen, besser mit der Zwangsstörung umzugehen.

Für Angehörige ist es oft schmerzhaft und frustrierend, hilflos mitanzusehen, wie ein geliebtes Familienmitglied oder der Partner unter dieser belastenden Erkrankung leidet, die nach außen so irrational erscheint. Zwangsstörungen können familiäre und partnerschaftliche Beziehungen stark belasten, täglich für Konflikte sorgen und ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung hinterlassen. 

In deinem Alltag begegnest du vielleicht immer wieder den gleichen Szenarien: Dein Partner, Kind oder ein anderes Familienmitglied verfällt in nicht endende Zwangshandlungen, zieht sich zurück oder ist sichtlich von Ängsten geplagt. Diese Verhaltensweisen können dich ratlos und frustriert zurücklassen, insbesondere wenn du versuchst, deinen betroffenen Angehörigen davon zu überzeugen, dass seine Sorgen irrational sind. Oft fühlt es sich so an, als würde jede deiner Anstrengungen, Logik oder Vernunft in die Situation zu bringen, nur zu weiteren Konflikten und noch mehr Zwangshandlungen des Betroffenen führen. 

Dieser Ratgeber zielt darauf ab, dir zu helfen, die Zwangsstörung deines Angehörigen besser zu verstehen und effektiv damit umzugehen. Dabei wollen wir betonen, dass es keine schnellen oder einfachen Lösungen gibt und dass bei dieser Erkrankung die intuitivsten Ansätze (nämlich, deinem betroffenen Angehörigen schnell die Angst zu nehmen) nicht die hilfreichsten sind. Wir werden häufige Missverständnisse aufzeigen, die dir möglicherweise bereits begegnet sind, und dir erklären, wieso es für den Betroffenen so schwer ist, aus dem Zwangs-Teufelskreis auszusteigen. 

Unser Hauptanliegen ist es aber, dir - als oftmals Mitbetroffenen der Zwangsstörung deines Angehörigen - Werkzeuge und Strategien an die Hand zu geben, die dir helfen, dich abzugrenzen und deinem betroffenen Angehörigen die bestmögliche Unterstützung zu bieten. Uns ist dabei wichtig, dir einen Umgang mit der Zwangsstörung zu zeigen, bei dem du sowohl deinen betroffenen Angehörigen wirklich effektiv hilfst, als auch selbst nicht zu kurz kommst. Dieser Prozess erfordert Geduld und harte Arbeit, kann aber mit einer deutlichen Verbesserung des Familienlebens und der Beziehungsqualität belohnt werden.

Hinweis: Dieser Artikel richtet sich an Angehörige von erwachsenen Betroffenen. Für Angehörige von betroffenen Kindern empfehlen wir das Buch Dem Zwang die rote Karte zeigen*.

Was ist eine Zwangsstörung und was macht sie mit Betroffenen?

Fragst du dich, warum ein Betroffener immer wieder die gleichen Dinge tun oder denken muss, obwohl ihm bewusst ist, dass diese Handlungen oder Gedanken unsinnig sind? Damit bist du nicht allein. Für viele Angehörige ist es eine Herausforderung, das Wesen und die Komplexität einer Zwangsstörung wirklich zu begreifen. Das ist besonders gut nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass selbst die Betroffenen ohne entsprechende Informationen häufig nicht verstehen, was in ihnen vorgeht.

Für dich als Angehörigen ist es von entscheidender Bedeutung, ein Grundverständnis darüber zu entwickeln, was eine Zwangsstörung ist, wieso sie von alleine nicht wieder verschwindet (sondern sich eher über die Zeit noch verstärkt), wie du (ohne es zu wollen) zur Aufrechterhaltung der Zwangsstörung beiträgst und welche therapeutischen Ansätze zur Verfügung stehen. Dieses Wissen ist unverzichtbar, um effektiv zur Genesung des Betroffenen beizutragen und gleichzeitig selbst einen konstruktiven Umgang mit der Situation zu erlernen.

Was ist eine Zwangsstörung?

Eine typische "Zwangsattacke" wird oft durch eine Trigger-Situation hervorgerufen. Eine solche Situation löst bei Betroffenen wiederum aufdringliche Gedanken, beunruhigende Vorstellungen, besorgniserregende Befürchtungen, Erinnerungen, Bilder oder Impulse aus - zusammengefasst: die sogenannten Zwangsgedanken. Es ist jedoch auch möglich, dass Zwangsgedanken ohne eine erkennbare Trigger-Situation entstehen, quasi wie aus dem Nichts.

Zwangsgedanken können von den Betroffenen nicht einfach als harmlose Gedanken abgetan werden. Sie sind mit intensiven, unangenehmen Gefühlen wie Angst, Schuld, Scham und Ekel verbunden. Diese Gefühle sind so überwältigend, dass die Betroffenen sie kaum ignorieren können. Sie vermitteln das drängende Gefühl, dass die Zwangsgedanken ein dringend zu lösendes Problem darstellen. Sie sind so stark, dass sie das tägliche Leben und das Wohlbefinden des Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Häufig werden Zwangsgedanken außerdem von unangenehmen Körperreaktionen begleitet.

Um ihre quälenden Gefühle zu lindern, ihre Zwangsgedanken zu beseitigen oder ihre Befürchtungen zu verhindern, fühlen sich Betroffene oft gezwungen (daher der Name Zwangsstörung), mit sogenannten Zwangshandlungen zu reagieren. Das können sichtbare Handlungen wie übermäßiges Waschen, Kontrollieren oder Ordnen sein, aber auch unsichtbare gedankliche Prozesse wie anhaltendes Grübeln. Zu den Zwangshandlungen gehören ebenfalls Vermeidungsstrategien und das Suchen nach Rückversicherung. Rückversicherungen äußern sich in wiederholten Fragen des Betroffenen an andere, mit dem Ziel, Bestätigung oder Beruhigung zu erlangen und so die Ängste oder Zweifel zu lindern.

Zwangshandlungen erscheinen somit als die Lösung für die Bewältigung der Zwangsgedanken. Sie  führen oft zu einer kurzfristigen Erleichterung der Anspannung, verstärken jedoch langfristig die Zwangssymptome und die Forderungen des Betroffenen nach deiner Mithilfe im Zwangssystem, da der Betroffene nicht lernt, auf eine gesunde Art und Weise mit seinen unangenehmen Gefühlen, Ungewissheit und Zweifeln umzugehen. In diesem Artikel erfährst du mehr über den “Teufelskreis Zwang”.

Worauf beziehen sich Zwangsgedanken?

Zwangsstörungen haben die Eigenschaft, sich auf die Aspekte des Lebens zu konzentrieren, die den Betroffenen besonders am Herzen liegen. Das können Bereiche wie Familie, zwischenmenschliche Beziehungen, Gesundheit, Spiritualität, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, berufliche Verpflichtungen oder Hobbys sein. Meist geht es darum, in diesen Bereichen ein großes befürchtetes Unheil abzuwenden. Betroffene erkennen in der Regel selbst, dass diese Befürchtungen zum großen Teil übertrieben und irrational sind, können sie wegen der damit einhergehenden starken unangenehmen Gefühle aber nicht einfach ignorieren. 

Zwangsgedanken stehen damit oft im direkten Widerspruch zu den eigentlichen Werten und moralischen Vorstellungen der betroffenen Person. Sie richten sich auf eine destruktive und existenzielle Art und Weise auf das, was den Betroffenen am meisten bedeutet, und verursachen damit erheblichen emotionalen Stress.

Was befürchten Betroffene einer Zwangsstörung?

Zwangsstörungen können eine Vielzahl von Themen betreffen. Hier sind einige Beispiele für Formen der Zwangsstörungen, bei denen oft sichtbare Zwangshandlungen auftreten: 

  • Übertriebene Befürchtungen (Zwangsgedanken), mit gefährlichen Substanzen, Krankheitserregern oder ekelerregenden Dingen, wie Chemikalien, Viren oder Schimmel, in Kontakt gekommen zu sein. Diese speziellen Ängste nennt man Kontaminationsbefürchtungen und führen häufig zu Waschzwängen, bei denen Betroffene versuchen, die vermeintliche Gefahr oder das eklige Gefühl durch übermäßiges Reinigen zu neutralisieren.
  • Zwangsgedanken, für eine Katastrophe verantwortlich zu sein, weil man einen Fehler gemacht oder etwas übersehen hat. Diese Zwangsgedanken gehen häufig mit Kontrollzwängen einher.
  • Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ordnung, Perfektion und Symmetrie, wie es bei Ordnungszwängen der Fall ist. 

Viele Zwänge, die sogenannten Grübelzwänge, finden jedoch überwiegend im Kopf statt. Dazu zählen beispielsweise die Angst, eine Straftat zu begehen (aggressive und sexuelle Zwangsgedanken), Unsicherheiten bezüglich der eigenen sexuellen Orientierung, Zweifel an der Beziehung (Relationship-OCD), Befürchtungen um die eigene Gesundheit oder den mentalen Zustand (wie bei Gesundheitszwängen oder der Angst vor psychotischen Erkrankungen), religiöse (blasphemische) Zwänge und vieles mehr. 

Betroffene können unter einer oder mehreren Formen von Zwängen leiden. Hier findest du eine Übersicht über die bekannteren und weniger bekannten Formen der Zwangsstörung. Für Angehörige ist es wichtig zu verstehen, dass sich Zwänge aufgrund ihrer Vielfalt sehr unterschiedlich äußern können. Das bedeutet auch, dass Angehörige in verschiedenster Weise in die Zwänge einbezogen werden können.

Hinweis zu aggressiven und sexuellen Zwangsgedanken: Solche Zwangsgedanken sind nicht gleichzusetzen mit der Neigung, diese Gedanken in die Tat umzusetzen. Sie entsprechen auch nicht den unbewussten Wünschen oder wahren Absichten der Betroffenen - ein häufiges Missverständnis bei Zwangsstörungen. 

Ursachen von Zwangsstörungen

Heutzutage ist man sich einig, dass es nicht die eine Ursache für Zwangsstörungen gibt, sondern dass zahlreiche Faktoren zum Entstehen beitragen können. Dazu zählen:

  • Persönlichkeitsmerkmale: Ein gewissenhafter oder perfektionistischer Persönlichkeitsstil wird oft mit Zwangsstörungen in Verbindung gebracht.
  • Intoleranz gegenüber Ungewissheit: Menschen mit Zwangsstörungen haben oft größere Schwierigkeiten, Ungewissheit zu tolerieren als Nicht-Betroffene.
  • Umweltfaktoren: Traumatische Erlebnisse, Stress, bedeutende Lebensveränderungen oder allgemein schwierige Lebensumstände.
  • Psychologische Faktoren und Lernerfahrungen: Die wiederholte Ausführung von Zwangshandlungen und die dadurch kurzfristig erlebte Erleichterung verstärken die Zwangsstörung und erhalten sie aufrecht.
  • Genetische Faktoren: Zwänge können im familiären Umkreis gehäuft auftreten.

Mehr über Ursachen erfährst du in diesem Artikel und dieser Podcast-Folge.

So wirst du als Angehöriger vom Zwang eingespannt

Wenn jemand unter einer Zwangsstörung leidet, kann sich leicht ein Teufelskreis entwickeln, in den du als Angehöriger meistens mit einbezogen wirst: Weil es dem Betroffenen nicht gelingt, seine Anspannung durch Zwangshandlungen ausreichend zu reduzieren, fühlt er sich unter Druck und bittet oder drängt seine Angehörigen regelrecht zur Mithilfe im Rahmen seines Zwangssystems. Dieses Mitwirken im Zwangssystem seitens der Angehörigen nennt man auch Akkommodation.

Diese Hilfegesuche oder sogar -forderungen des von der Zwangsstörung Betroffenen sind vielfältig. Sie reichen von der Bitte um deine Rückversicherung über das Einfordern deines direkten Mitwirkens bei bestimmten Zwangshandlungen bis hin zur Erwartung deiner Unterstützung bei Vermeidungsstrategien. Für Angehörige, die von Natur aus helfen und entlasten möchten, kann es intuitiv richtig erscheinen, auf diese Bitten einzugehen und so Teil des Zwangssystems zu werden. Besonders wenn ihr im gleichen Haushalt lebt, bist du als Angehöriger vermutlich bereits in das Zwangssystem mit einbezogen.

Den wenigsten Angehörigen ist bewusst, dass sie durch ihr Verhalten den Zwang unabsichtlich verstärken. Hier eine passende Metapher: Die Zwangshandlungen des Betroffenen und die Mithilfe des Angehörigen im Zwangssystem wirken wie das Hinzufügen von Holzstücken zu einem Feuer. Jede Unterstützung bei den Zwangshandlungen fügt dem „Zwangs-Feuer“ Brennstoff hinzu und lässt die Zwangsstörung weiter aufflammen. Anstatt die Zwangsstörung zu lindern, verstärkst du also letztendlich die Symptomatik des Betroffenen (einschließlich seiner Einforderung deiner Mithilfe im Zwangssystem). Dies kann zu einer Abhängigkeit des Betroffenen vom Angehörigen führen, was wiederum die Belastung auf beiden Seiten erhöht und einen Teufelskreis schafft, in dem die Zwangsstörung immer weiter genährt wird.

So wird der Zwangs-Teufelskreis durch deine Mithilfe aufrechterhalten:

  • Kurzfristige Folgen: Erleichterung des Betroffenen (und eventuell des Angehörigen).
  • Langfristige Folgen: Die Mithilfe des Angehörigen im Zwangssystem verstärken die Zwänge des Betroffenen und seine zunehmende Forderung nach weiterer Mithilfe. 
  • Dadurch wirst du als Angehöriger immer mehr in die Zwänge mit einbezogen.

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Beispiele für den Miteinbezug Angehöriger durch Rückversicherung

Bei dieser Neutralisierungsstrategie versuchen Betroffene, die durch die Zwangsgedanken ausgelösten unangenehmen Gefühle und Körperempfindungen dadurch zu verringern, dass sie sich Beruhigung durch das Fragen von Angehörigen einholen. Die Fragen dienen also nicht dazu, sich über etwas zu informieren, sondern beruhigt zu werden. Du erkennst Rückversicherung meist daran, dass du die gleiche Frage schon mehrere Male beantwortet hast. Hier sind einige typische Beispiele:

  • Bei Kontrollzwängen: Du versicherst dem Betroffenen auf sein Fragen hin, dass er den Herd wirklich ausgemacht hat (obwohl du das schon viele Male gesagt hast).
  • Bei Kontaminationsbefürchtungen / Waschzwängen: Du antwortest dem Betroffenen, dass er wirklich nicht die kontaminierte Mülltonne berührt hat. Du versicherst dem Betroffenen, dass der kleine Fleck kein Blut ist und selbst wenn, dass von ihm keine Gefahr ausgeht.
  • Bei Kontaminationsbefürchtungen / Waschzwängen: Du gibst detaillierte Berichte über deinen Tagesablauf: Wo genau warst du? Mit wem hattest du direkten Kontakt? Hast du da etwas berührt? Wann, wo, wie und wie oft hast du dir die Hände gewaschen oder deine Kleidung gewechselt?
  • Bei aggressiven Zwangsgedanken: Du versicherst dem Betroffenen immer wieder – weil er diese Bestätigung sucht –, dass er tatsächlich niemanden während des Spaziergangs beleidigt hat.
  • Bei Zwangsgedanken mit der Angst, eine Psychose zu bekommen: Du beruhigst den Betroffenen immer wieder, dass er keine Schizophrenie bekommen wird.
  • Bei Hyperbewusstseinszwängen: Du bestätigst dem Betroffenen, dass es völlig normal ist, zeitweise verstärkt auf den eigenen Herzschlag zu achten. Du versicherst ihm, dass diese Phase vorübergehen wird.

Beispiele, wie Angehörige Zwangsregeln befolgen oder unterstützen

  • Du beteiligst dich an den Zwangshandlungen des Betroffenen oder übernimmst sie sogar gänzlich, indem du zum Beispiel für den Betroffenen als “kontaminiert” eingestufte Dinge säuberst oder putzt, ihm Türen öffnest (falls er Türklinken meidet), für ihn Elektrogeräte und Türschlösser überprüfst, große Mengen "kontaminierter" Wäsche wäschst oder auf eine ganz spezielle Art und Weise kochst.
  • Du überprüfst stellvertretend für den Betroffenen Elektrogeräte, Wasserhähne oder Türen, da ohne deine Hilfe das Verlassen der Wohnung sonst Stunden in Anspruch nehmen könnte. 
  • Wenn der Betroffene unter einem Ordnungs- und Symmetriezwang leidet, kann das bedeuten, dass in eurem Zuhause alles in perfekter Ordnung und Sauberkeit gehalten werden muss und du dich an diese “Vorgaben des Zwanges” hältst. Gegenstände müssen möglicherweise in einer spezifischen Reihenfolge oder symmetrisch angeordnet sein, wie etwa Kleidung oder Bücher. Es kann auch sein, dass du bestimmte Räume nicht betreten darfst, um die penibel arrangierte Ordnung im „Bereich“ des Betroffenen nicht zu stören.
  • Du lebst unter ungewöhnlichen oder eingeschränkten Wohnverhältnissen, darfst bestimmte Zimmer nicht betreten, musst vielleicht eine "Schleuse" vor der Wohnungstür passieren, bei der du die Kleidung wechselst und dich duschst, oder du darfst dich nicht auf bestimmte Stühle setzen, weil diese entweder als kontaminiert gelten und nicht mehr benutzt werden dürfen oder aber als “reine Insel” besonders sauber gehalten werden müssen.
  • Du wartest als Angehöriger oft stundenlang, bis der Betroffene seine Zwangshandlungen abgeschlossen hat.
  • Du ermöglichst oder duldest das Vermeidungsverhalten des Betroffenen und beteiligst dich eventuell sogar daran.
  • Du tolerierst zahlreiche Handlungswiederholungen des Betroffenen (denn Betroffene müssen häufig von vorne mit ihren Zwangshandlungen beginnen, wenn sie dabei gestört werden).
  • Du übernimmst zusätzliche Arbeiten im Haushalt.
  • Du unterstützt die Zwangshandlungen des Betroffenen, indem du spezielle Utensilien besorgst (bspw. Wasch- und Reinigungsmittel, bestimmte Lebensmittel etc.), oder stellst ständig die Waschmaschine zur Verfügung.
  • Du vermeidest es, Trigger zu erwähnen oder verbirgst diese vor dem Betroffenen, um ihn nicht zu beunruhigen.
  • Du musst häufig deine eigenen Pläne umstellen, Termine absagen oder kommst zu spät, weil du in die Zwangshandlungen des Betroffenen eingebunden bist.
  • Du findest dich oft in der Situation wieder, anderen gegenüber Ausreden zu erfinden oder zu lügen, weil der Zwang euch aufhält.
  • Du schränkst deine eigenen Aktivitäten und sozialen Kontakte ein und verzichtest auf deine Freizeit – denn die Zwangsstörung nimmt auch auf dein Leben großen Einfluss.

Therapie bei Zwangsstörungen

Die Therapie der ersten Wahl für alle Subtypen der Zwangsstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie einschließlich Expositionen und Reaktionsmanagement.

Bei dieser effektiven Form der Psychotherapie lernen Betroffene, sich Schritt für Schritt angstauslösenden Situationen und Gedanken zu stellen (Exposition) ohne zu versuchen, die ausgelöste Anspannung mithilfe von problematischen Bewältigungsstrategien wie Zwangshandlungen, Vermeidungen oder Rückversicherungen zu verringern (Reaktionsmanagement).

Mithilfe solcher Expositionen machen Betroffene die Erfahrung, dass sie zwangsauslösende Situationen und Gedanken aushalten können und ihre Anspannung sogar nachlässt, wenn sie nichts dagegen unternehmen. Dadurch, dass man sich Schritt für Schritt beibringt, auf Anspannung auf eine neue Art zu reagieren, geht die Zwangssymptomatik zurück und die Anspannung lässt langfristig nach.

Auch wenn die Therapie mit Expositionen als anstrengend gilt, so ist sie für Betroffene doch sehr lohnend: Zwangsstörungen zählen heute zu den psychischen Störungen mit den besten Therapieaussichten.

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie werden auch Medikamente zur Behandlung von Zwangsstörungen eingesetzt - hierbei insbesondere die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Diese sind aber nicht die Behandlung erster Wahl.

Was können Betroffene und Angehörige tun?

Das Kernproblem bei Zwangsstörungen liegt nicht in den Zwangsgedanken der Betroffenen oder im Inhalt der Befürchtungen, sondern in den Versuchen, die damit einhergehende innere Anspannung mit Zwangshandlungen zu neutralisieren. 

Zwangshandlungen führen zwar zu einer kurzfristigen Entlastung, verstärken jedoch langfristig die Zwangsstörung und verstricken die Betroffenen in einen endlosen Zyklus von Zwangsgedanken und -handlungen. Den Betroffenen ist dieser Zusammenhang ohne das entsprechende Wissen selbst meist nicht bewusst - und selbst wenn es ihnen bewusst ist, ist es für sie wegen des starken emotionalen Drucks dennoch eine große Herausforderung, keine Zwangshandlungen durchzuführen. Vermutlich unterstützt auch du, ohne es zu wollen, das Zwangssystem durch deine Mitwirkung bei den Zwangshandlungen. 

Wenn du als Angehöriger beginnst, deine Mitwirkung zu reduzieren, und der Betroffene gleichzeitig in der Therapie oder durch Selbsthilfe Fortschritte erzielt, eröffnen sich aber wieder neue Möglichkeiten. Das kann bedeuten, Aktivitäten nachzugehen, die euch wichtig sind, und das Leben nicht mehr dem Zwang unterzuordnen. Statt die innere Anspannung zu neutralisieren, lernt der Betroffene, mit ihr zu leben, und ihr könnt wieder freudvolle Aktivitäten genießen. Dies führt zu einer neu gewonnenen Freiheit und verbesserten Lebensqualität.

Aber wie kannst du als Angehöriger deinen Liebsten nun konkret auf seinem Weg aus dem Zwang unterstützen?

Tipps für Betroffene und Angehörige: Die Basics

Deine Rolle als unterstützender Angehöriger ist bei der Behandlung und Genesung des Betroffenen von unschätzbarem Wert. 

Eine effektive Unterstützung beginnt oft mit Verständnis und Einfühlungsvermögen: Indem du dich über Zwangsstörungen informierst, beispielsweise durch die Informationen hier auf OCD Land oder Selbsthilferatgeber, gewinnst du wichtige Einblicke in die Herausforderungen, denen der Betroffene gegenübersteht. Dieses Wissen ist aber weit mehr als bloße Information – es ist ein Werkzeug, das es dir ermöglicht, deine oft unbemerkte Mithilfe im Zwangssystem zu erkennen. Damit ausgestattet, kannst du bessere Entscheidungen treffen, um dich selbst vom Zwang abzugrenzen und die Genesung deines Angehörigen zu unterstützen.

Gemeinsam gegen den Zwang zu arbeiten kann zwar herausfordernd sein, aber auch Freude bereiten - besonders wenn ihr erste Erfolge erzielt und positive Veränderungen erlebt. Jeder Schritt zur Reduzierung der Zwänge und zur Rückgewinnung kleiner Freiheiten ist ein wichtiger Fortschritt. Eure gemeinsamen Anstrengungen können nicht nur eure Beziehung festigen, sondern führen auch zu spürbaren Verbesserungen im Alltagsleben.

Hier einige grundlegende Ansätze, wie Betroffene und Angehörige gemeinsam den Weg aus dem Zwang beschreiten können:

Betroffene:

  • Exposition: Sich den zwangsauslösenden Triggern und Zwangsgedanken stellen.
  • Reaktionsmanagement: Zwangshandlungen (inklusive Vermeidungen und Grübeleien) reduzieren und nicht mehr nach Rückversicherung fragen

Angehörige:

  • Gut für sich selbst sorgen.
  • Wertschätzend und mitfühlend sein.
  • Eigene Mithilfe schrittweise auf Null reduzieren: z.B. Rückversicherungen verringern, “Zwangsregeln” weniger oder gar nicht befolgen, keine Zwangshandlungen ausführen, Vermeidungsverhalten abbauen. Wichtig: Die Schritte mit dem Betroffenen absprechen!
  • Den Betroffenen motivieren, seine Expositionsübungen zu machen, seine Anstrengungen und Fortschritte anerkennen und ihn trösten, wenn es mal nicht wie gewünscht klappt.
  • Expositionen mit schönen gemeinsamen Aktivitäten verbinden (“Expo-und-Fun”): Bspw. zusammen etwas Neues wagen oder etwas Schönes unternehmen, was vorher lange vermieden wurde. Dabei neugierig experimentieren, sich motiviert in die Angst hineinlehnen, auch mit Anspannung etwas Schönes tun. Wichtig: Erfolge zusammen feiern.
  • Wenn Selbsthilfe nicht ausreicht: Den Betroffenen zu einer Therapie motivieren (Wie finde ich einen Therapeuten?).
  • Wenn du selbst sehr belastet bist: Sich mit anderen Angehörigen von Betroffenen austauschen, Beratung oder therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Wie kannst du den Betroffenen emotional unterstützen?

Es ist wichtig, bei all dem Zwangsstress einfühlsam und wertschätzend zu bleiben. Lerne, auf eine unterstützende Art und Weise zu kommunizieren, die den Betroffenen ermutigt, sich seinen Ängsten zu stellen, ohne sich dabei zu überfordern. Erkenne und betone auch die Stärken, Fähigkeiten und den liebenswürdigen Charakter des Betroffenen abseits seiner Zwangsstörung – auch wenn das manchmal schwierig sein mag. Aber mache ihm auch deutlich, dass du selbst ein Leben hast, wieder freier deinen eigenen Aktivitäten nachgehen und nicht weiter dem Zwang dienen möchtest. Unternehmt gemeinsame Aktivitäten, die ihr abseits der Zwänge genießen könnt. Dies fördert positive Erfahrungen und erinnert den Betroffenen daran, dass das Leben auch jenseits der Zwänge bereichernd und erfüllend ist – und dass es sich lohnt, sich für ein freies und werteorientiertes Leben zu engagieren.

Als Angehöriger kannst du deinem betroffenen Familienmitglied mit einfühlsamen und ermutigenden Aussagen beistehen. Hier sind einige Beispiele:

  • Ich weiß, dass das schwer ist. Wie kann ich dir (außerhalb des Zwangssystems) helfen?
  • Was brauchst du, um langfristig auf dich achten zu können? Wie wäre es damit, dass du dich jetzt in die Ungewissheit „hineinlehnst“ (und eine Expositionsübung machst)?
  • Du bist so tapfer!
  • Ich glaube an dich!

Achtung, dabei keine Rückversicherungen geben! Es geht nicht darum, dass du die Angst des Betroffenen reduzierst, sondern darum, dass du den Betroffenen durch die Angst hindurch begleitest.

Konkrete Strategien im Umgang mit Rückversicherung

Es ist schwer für den Betroffenen, nicht nach Rückversicherung zu fragen. Daher ist es wichtig, dass du als Angehöriger weißt, wie du reagieren kannst, wenn du mit wiederholten, dringlichen Fragen des Betroffenen „gelöchert“ wirst:

  • Als Angehöriger einfach mit den Schultern zucken und nichts sagen.
  • Vielleicht - vielleicht nicht :-)
  • Ich weiß nicht.
  • Wir werden es sehen...
  • Darüber haben wir doch schon geredet...
  • Ich möchte dir und nicht dem Zwang helfen. Darum antworte ich darauf nicht.
  • Was meinst du, könnte da gerade der Zwang eine Rückversicherung wollen? Wer fragt das: du oder der Zwang?

Angebote bei (teil-)stationärem Aufenthalt

Falls sich dein betroffener Angehöriger derzeit in einem (teil-)stationären Klinikaufenthalt befindet, können folgende Angebote für dich besonders hilfreich sein, um allgemeine Informationen über Zwangsstörungen zu erhalten und darüber, wie du deinen Betroffenen am besten unterstützen und dich selbst abgrenzen kannst:

  1. Familien- bzw. Angehörigengespräche, die eine offene Kommunikation zwischen dem Patienten, den Angehörigen, dem Bezugstherapeuten und der Bezugspflegefachkraft ermöglichen (nur mit Einverständnis des Betroffenen).
  2. Spezielle, von Psychologen und Pflegefachkräften geleitete Gruppenangebote für Angehörige von stationären und tagesklinischen Patienten (nur mit Einverständnis des Betroffenen).
  3. Allgemeine Telefonsprechstunden für Angehörige

Tue etwas für dich selbst!

In der Rolle als Angehöriger eines Menschen mit Zwangsstörung ist es wichtig, auf deine eigenen Grenzen zu achten und bewusst Freiräume für dich zu schaffen. Plane gezielt Zeiten ein für Aktivitäten, die dir Ausgleich und Erholung bringen. Sei es eine sportliche Betätigung, ein kreatives Hobby oder einfach ruhige Momente für dich allein – diese Momente sind wichtig, um deine Kraftreserven zu stärken und deine eigene Gesundheit zu priorisieren.

Erkenne zudem deine eigene Leistung an. Das Zusammenleben mit einer Person, die eine Zwangsstörung hat, und die Unterstützung, die du dabei leistest, fordern viel von dir. Würdige deine eigene Stärke und Ausdauer, die du tagtäglich aufbringst.

Suche dir selbst auch Unterstützung

Als Angehöriger eines Menschen mit einer Zwangsstörung trägst du eine große Last, aber du musst diese nicht alleine schultern. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Familien durch die Herausforderungen, die eine Zwangsstörung mit sich bringt, isoliert oder sogar beschämt fühlen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass weder du noch deine Familie Schuld an der Zwangsstörung oder an der daraus resultierenden Beziehungsdynamik tragt. 

Sich über die Zwangsstörungen zu informieren und zu erkennen, dass ihr nicht allein mit diesem Problem seid, kann bereits ein wichtiger Schritt sein, um die Gefühle von Einsamkeit, Scham und Schuld zu überwinden. Zögere daher auch nicht, selbst professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hier kannst du nicht nur die nötigen Strategien erlernen, um mit dem Zwang in deiner Beziehung oder Familie umzugehen, sondern dir helfen lassen, deine eigene psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Zusätzlich kann der Austausch mit anderen Angehörigen, die ähnliche Erfahrungen machen, eine wertvolle Quelle der Unterstützung und des Trostes sein. Selbsthilfegruppen bieten hier eine gute Gelegenheit für Verständnis, Austausch, Gespräche und gegenseitiges Lernen. Solche Gruppen werden bspw. von der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) regelmäßig als Online-Selbsthilfegruppen via Zoom für Angehörige bzw. Eltern mit zwangserkrankten Kindern angeboten.

Eine weitere empfehlenswerte Ressource sind Trialog-Veranstaltungen, in denen ein gegenseitiger Austausch auf Augenhöhe stattfindet. Hier teilen (ehemalige) Betroffene, Angehörige und Fachpersonen ihre Erfahrungen und Perspektiven miteinander. 

Weitere Anlaufstellen sind die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ) sowie unser eigenes Community-Forum.

Viele Angehörige spüren selbst eine große Belastung durch die Zwangsstörung des Betroffenen. Als Angehöriger solltest du die Möglichkeit, dich von einem auf Zwangsstörungen spezialisierten Therapeuten beraten zu lassen oder selbst therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ernsthaft in Erwägung ziehen. Hierbei kannst du wertvolle Informationen erhalten, wie du dich am besten verhältst, um den Teufelskreis der Zwangsstörung zu durchbrechen. Viele Angehörige, die durch Zwänge des Betroffenen belastet sind, haben häufig ein schlechtes Gewissen, wenn sie beginnen, sich abzugrenzen und wieder für sich selbst zu sorgen. Auch hierbei kann dich ein Therapeut unterstützen.

Lass den Betroffenen nicht fallen - auch wenn der Zwang euch plagt

Zuerst einmal: Wenn du durch die Situation gereizt bist, ist das ganz normal und verständlich. Gefühle von Gereiztheit, Wut, Frustration, Verzweiflung oder Ohnmacht erlebt fast jeder Angehörige von Zeit zu Zeit oder auch sehr oft. Eine Zwangsstörung zerrt an den Nerven, ist anstrengend und erschöpfend, nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für die Menschen, die ihm nahestehen.

Auch wenn es schwer fällt: Nimm das Verhalten des Betroffenen nicht persönlich. Erinnere dich immer wieder daran, dass sein Verhalten oft Ausdruck der Zwangsstörung ist und sich nicht direkt gegen dich richtet. Eine offene und konstruktive Kommunikation über die Erkrankung und mögliche Therapieansätze kann sehr hilfreich sein, aber achte darauf, dass sich eure Gespräche nicht ausschließlich um die Zwangsstörung kreisen, um eine ausgeglichene Beziehung zu wahren und dem Betroffenen zu zeigen, dass er viel mehr als nur seine Erkrankung ist.

Ein sehr wichtiger Schritt für dich als Angehöriger ist, deine Unterstützung im Zwangssystem zu beenden. Hier hast du selbst ganz konkret einen Einfluss. Das bedeutet, deine eigene Rolle im Zwangskreislauf zu erkennen und gezielt zu unterbrechen. Psychoedukation ist hierbei der Schlüssel: Informiere dich darüber, wie Zwangsstörungen funktionieren, wie dein Verhalten zur Zwangsstörung beiträgt, sie möglicherweise aufrechterhält und wie du deinen betroffenen Angehörigen effektiv und nachhaltig unterstützen kannst, indem du deine Mithilfe im Zwangssystem einstellst. Die Beendigung deiner Mithilfe im Zwangssystem erhöht außerdem den Anreiz für den Betroffenen, selbst aktiv etwas gegen seine Zwänge zu unternehmen. Wichtig ist, dass du deine Verhaltensänderungen dem Betroffenen gegenüber klar und transparent ankündigst. Erkläre, dass du ab sofort den Betroffenen und nicht den Zwang unterstützen möchtest. 

Wenn ein Betroffener die Therapie ablehnt

Es ist für Angehörige oft schmerzhaft und schwer zu verstehen, wenn ein geliebter Mensch mit einer Zwangsstörung eine Therapie ablehnt. Diese Entscheidung wirft nicht nur viele Fragen auf, sondern belastet auch die Beziehung. Die Ablehnung der Therapie kann verschiedene Gründe haben, aber meistens scheinen für den Betroffenen die Nachteile einer Therapie die möglichen Vorteile zu überwiegen - auch wenn Außenstehende das meist nicht nachvollziehen können.

Zu den häufigsten Gründen, warum die Bereitschaft zur Therapie fehlt, gehören:

  • Die Angst vor Konfrontationen mit den eigenen Ängsten bei Expositionsübungen.
  • Eine geringe Einsicht des Betroffenen, also wenn Zwangsgedanken als realistisch und Zwangshandlungen als sinnvoll empfunden werden.
  • Die Befürchtung, dass sich die Situation nicht verbessern könnte.
  • Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit oder Depression.
  • Die Mithilfe der Angehörigen im Zwangssystem.
  • Wenn Angehörige die Schwere der Zwangssymptome des Betroffenen leugnen oder herunterspielen.
  • Konflikte, Spannungen und Anfeindungen im familiären oder partnerschaftlichen Umfeld.
  • Ein destruktiver Umgang miteinander (z.B. Nörgeln, Schreien, Drohen und Beschämen)

In manchen Situationen kann eine Zwangsstörung eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Lebensaufgaben spielen, mit denen man sich überfordert fühlt. Fachleute sprechen hier von Funktionalitäten. Diese sind für den Betroffenen häufig unbewusst und somit nicht erkennbar, sie können aber dennoch Beweggründe darstellen, warum jemand mit einer Zwangsstörung eine Therapie ablehnt.

Ein Beispiel: Stellen wir uns einen jungen Erwachsenen vor, der vor dem Schritt steht, sein Elternhaus zu verlassen – eine Herausforderung, die oft mit vielen Ängsten verbunden ist. In solch einem Kontext kann eine Zwangsstörung paradoxerweise als Schutzwall dienen und sich als vermeintliche Lösung anbieten: Dadurch, dass der Betroffene nämlich mit seinen Zwängen zu tun hat, muss er die Entscheidung zum Ausziehen jetzt gar nicht treffen. Dem Betroffenen ist diese Schutzfunktion nicht bewusst, für ihn stellt es sich so dar, dass er einfach nicht ausziehen kann. 

Es ist komplex und nicht einfach zu verstehen, warum jemand mit Zwangsstörungen eine Therapie ablehnt, obwohl sie sowohl für ihn selbst als auch für sein Umfeld eine erhebliche Belastung darstellt. Häufig ist es sinnvoll, als Angehöriger selbst professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um mit dieser schwierigen Situation besser umgehen zu können.

Fazit

Die Genesung von einer Zwangsstörung ist ein Weg, der sowohl für den Betroffenen als auch für dich als Angehörigen Herausforderungen, aber auch Chancen bereithält. Eine fachgerechte Therapie, insbesondere die Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement, bietet die Möglichkeit, selbst schwere und langanhaltende Zwangsstörungen dauerhaft zu überwinden. 

Doch dieser Weg erfordert Wissen über Zwangsstörungen, Geduld, Durchhaltevermögen und Energie. Die Therapie ist intensiv und die Fortschritte erfolgen oft nur in kleinen Schritten. Daher ist es wichtig, jeden Fortschritt anzuerkennen und zu würdigen. Dabei solltet ihr euch auch darauf einstellen, dass die Genesung nicht immer geradlinig verläuft: Rückschläge sind ein normaler Teil des Prozesses und bieten darüber hinaus wertvolle Gelegenheiten, das Gelernte zu üben und zu festigen. 

Für dich als Angehörigen bedeutet die Therapie des Betroffenen und der Weg zur Genesung ebenfalls Veränderungen. Hier ist besonders wichtig, deine eigene Beteiligung im Zwangssystem des Betroffenen zu reduzieren. Indem du dich vom Zwang abgrenzt, unterstützt du den Betroffenen darin, selbstständiger zu werden und seine Zwangsstörung effektiver zu bewältigen.

Denke dabei unbedingt daran, auch für dich selbst zu sorgen. Suche dir Unterstützung, wenn du sie benötigst - denn nur wenn es dir gut geht, kannst du als Angehöriger ein motivierender und unterstützender „Cheerleader“ für den Betroffenen sein. Dann könnt ihr zuversichtlich neue Wege abseits der Zwangsstörung beschreiten.

Über die Autoren
Dr. med. vet. Elke Atzpodien

Elke Atzpodien ist Wissenschaftlerin in Basel und seit 2019 auch EX-IN (Peer)-Genesungsbegleiterin im Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung Verhaltenstherapie-stationär, Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK) Basel. Bis zum Beginn ihrer Verhaltenstherapie im Sommer 2016 war sie selbst von einer langjährigen Zwangserkrankung betroffen. Als Peer an den UPK begleitet sie nun vor allem Menschen mit einer Zwangsstörung während deren Aufenthalts in der Klinik. Elke ist Moderatorin im Community-Forum, war zu Gast im Zwanglos-Podcast und ist außerdem Autorin auf dem OCD Land-Blog sowie im Buch Praxishandbuch Zwangsstörung*.

PD Dr. Susanne Fricke

PD Dr. Susanne Fricke ist psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis und in der Aus- und Weiterbildung als Dozentin und Supervisorin tätig. Vor ihrer Niederlassung hat sie als leitende Psychologin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gearbeitet (Schwerpunkt: Angst- und Zwangsstörungen). Sie ist Autorin und Mitautorin vieler Fach- und Selbsthilfebücher, z.B. Zwangsstörungen verstehen und bewältigen*.

Martin Niebuhr

Martin hat OCD Land gegründet, damit sich Betroffene einer Zwangsstörung endlich auch im Internet über effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsverfahren informieren und auszutauschen können. Er ist Entwickler der OCD Land-Webseite, Host des Zwanglos-Podcasts, Autor auf dem OCD Land-Blog und Moderator im Community-Forum.